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"Der Brexit mahnt uns, uns auf das zu konzentrieren, was uns verbindet"

Datum 20.11.2018

Interview mit Carsten Westerholt, stellvertretender Leiter des Gemeinsamen Sekretariats des Nordseeraumprogramms

Carsten Westerholt (© Carsten Westerholt)

Das Nordseeraumprogramm baut auf den Stärken der Region auf. Einen großen Beitrag zur Wirtschaft der Region leistet beispielsweise der Verkehrssektor. Er wird daher als besonderes Thema im Programm behandelt. Die vielen Elemente, die bereits für die unterschiedlichen Verkehrsträger vorhanden sind, bieten gute Möglichkeiten, das Verkehrsnetz im Nordseeraum grüner, schneller und besser miteinander zu verbinden. Die Gateway-Funktion der Region bedeutet auch, dass Transportentscheidungen, die hier getroffen werden, die Verkehrsmittelwahl auf einem großen Teil des restlichen Kontinents beeinflussen können. Ein weiteres wichtiges Konzept ist die Nachhaltigkeit. Durch die vielen niedrig liegenden Gebiete besteht im Nordseeraum ein erhöhtes Risiko schwerer Überschwemmungen als Folge des Klimawandels. Das Programm trägt deshalb dazu bei, den ökologischen Fußabdruck der Region zu verringern, den Schutz vor den Auswirkungen des Klimawandels zu verbessern und die Umwelt zu schützen. Infolge der Finanzkrise ist auch Innovation ein Schlüsselelement, weshalb Wandel zur Erhöhung der Innovationskraft in allen Teilen des Nordseeraums gefördert wird. Carsten Westerholt zieht im Interview ein Resümee zu den Entwicklungen im Nordseeraumprogramm.

Wo steht das Programm zur Halbzeit? Wie ist aktuell die Resonanz bei den Akteuren?

Auf dem Papier sieht es gut aus, und nicht nur dort. So haben wir die Meilensteine des Programms für das Jahr 2018 bereits zur Mitte des Jahres für alle unsere Förderbereiche erreicht und liegen auch im Hinblick auf den erwarteten Mittelabfluss auf Kurs. Zurzeit werden insgesamt 48 Projekte mit mehr als 700 Partnern und einem Umfang von etwa 200 Millionen Euro in den Nordseegebieten gefördert. Außerdem nahmen in den letzten beiden Jahren weit über 1.500 Menschen an zentralen Veranstaltungen wie etwa der jährlichen Nordseekonferenz und Interwork-Veranstaltungen teil. Von den vielen, vielen TeilnehmerInnen an Projektveranstaltungen mal ganz abgesehen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an neuen Projektideen für weitere Projekte. Diese Zahlen zeigen uns, dass das Programm von den Interessensgruppen im Nordseeraum gut auf- und wahrgenommen wird.

Dieser positive Trend ist auch auf Projektebene zu beobachten. Viele Projekte liefern bereits wichtige und beeindruckende Ergebnisse. Eines der Beispiele ist das Projekt DUAL Ports, das erfolgreiche Pilotprojekte durchgeführt hat, die einen wichtigen Beitrag hin zu der Vision von CO2-freien Häfen in der Nordseeregion leisten.

Im Vergleich zu den vergangenen Förderperioden: Wie schätzen Sie das jetzige Programm ein?

Die vergangene Projektperiode hat gezeigt, dass eine große Mehrzahl der Projekte ohne die Finanzierung durch das Nordseeraumprogramm nicht realisiert worden wären. Es gibt anhaltenden Bedarf für Kooperation und unsere Unterstützung hierzu. Deshalb haben wir, im Vergleich zu den vergangenen Förderperioden, das Programm weiter vereinfacht. Die Regeln für die Teilnahme am Programm wurden transparenter und leichter zugänglich gemacht. Zusammen mit den anderen Interreg Programmen haben wir Verfahren und Formulare für die Antrags- und Implementierungsphase eines Projektes so weit wie möglich harmonisiert, so dass es für Projekte und Entscheidungsträger einfacher ist, den Überblick über die verschiedenen Fördermöglichkeiten zu behalten. Darüber hinaus haben wir ein webbasiertes Managementsystem eingeführt, das Antragsteller und Projektpartnern bei ihrer täglichen Arbeit unterstützt. Es gibt sehr positives Feedback zu diesen Maßnahmen.

Zur gleichen Zeit haben wir unsere Ergebnisorientierung verstärkt. Unser Ziel ist natürlich die territoriale Zusammenarbeit, um Menschen über Grenzen hinweg zusammenzubringen. Aber darüber hinaus ist es auch wichtig, auf die Ergebnisse unserer Projekte zu schauen und inwieweit diese zu nachhaltigem, integrativem und wissensbasiertem Wachstum für die Nordseeregion beitragen.

Eine Herausforderung in dieser Programmperiode, gerade im Vergleich zu den vergangenen, sind die politischen Entwicklungen in der Europäischen Union. Hierbei ist natürlich vor allem Brexit zu nennen, der viele Fragen zur Zukunft unserer britischen Projektpartner aufgeworfen hat. Glücklicher Weise hat die britische Regierung beschlossen, eine Garantie für britische Partner für Projekte, die vor Ende 2020 genehmigt werden, auszusprechen. Im Endeffekt bedeutet das mehr oder weniger "business as usual" bis zum Ende des laufenden Förderzeitraums.

Wie lautet Ihre Einschätzung zu den Verordnungsentwürfe für die neuen Interreg-Programme, die im Mai 2018 veröffentlicht wurden?

Momentan sind die Verordnungen natürlich nur ein Entwurf und wir müssen jetzt abwarten, ob sie tatsächlich noch vor den Wahlen zum Europäischen Parlaments Mitte 2019 und der Neubesetzung der Kommission verabschiedet werden. Basierend auf der Vorlage gehen wir davon aus, dass die neuen Interreg-Programme weiter vereinfacht werden können, was von unserer Seite sehr zu begrüßen ist. So sieht der Verordnungsentwurf beispielsweise vor, dass Abrechnungsverfahren vereinfacht werden und die Fördertöpfe flexibler an die entsprechenden Bedarfe angepasst werden können. Auch die Idee, dass funktionierende Strukturen verschlankt und übernommen werden können, finde ich sehr gut. Der transnationale Bereich soll finanziell gestärkt werden, wobei man auch wissen muss, dass die Förderung für Interreg insgesamt verringert werden soll, wenn auch in geringem Maße. Im Hinblick auf die zukünftigen Zuschnitte der Programmräume gibt es zur Zeit viel Gesprächsbedarf über die Vorschläge der Kommission.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Nordseeraumprogramms?

Ich würde mir wünschen, dass wir die intensive Zusammenarbeit zwischen den Regionen im Nordseeraum noch weiter stärken. Der Brexit mahnt uns, uns auf das zu konzentrieren, was uns verbindet, und nicht auf das, was uns trennt. Und: Grenzen können Kooperation nicht stoppen.

In vielerlei Hinsicht ist der Nordseeraum ein Schrittmacher in der EU, sei es durch die Offenheit gegenüber Veränderungen und Innovationen, den Willen, unsere Gesellschaft grüner zu machen, oder die Fähigkeit der hier lebenden Menschen, einfach mal einen Schritt zurückzutreten, die Dinge zu betrachten und das Leben einfach zu genießen. So liefert die Region oftmals gute Beispiele und neue Blickwinkel für die Lösung von Problemen in Europa und dem Rest der Welt. Eine der größten Herausforderungen für die Zukunft der Region wird darin bestehen, die Auswirkungen des Klimawandels zu bewältigen und sich in Richtung CO2-freie Zukunft zu entwickeln. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es viele Ideen, Menschen und Fachleute rund um die Nordsee gibt, die neue Lösungen, neue Lebensweisen und neue Geschäftsmodelle für eine solche Zukunft entwerfen können, und dass wir weiterhin unsere Vorreiterrolle nutzen können, um andere zu inspirieren.

Die aktuelle Ausgabe des INTERREG B Journals (Ausgabe 3_2018) finden Sie in der Rubrik Service.