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So hat sich Europa in den letzten Jahren entwickelt: Europa-Atlas des BBSR

Ein Atlas ausgewählter Aspekte der räumlichen Strukturen und Entwicklungen in Europa

Europa-Atlas (© BBSR)

Das BBSR stellt umfassende Analysen zur regionalen Entwicklung bereit. Diese beschränken sich aber nicht nur auf Deutschland, sondern befassen sich auch in der laufenden Raumbeobachtung Europas mit Strukturen und Trends in den Regionen Europas. Gerade mit Blick auf die anstehende deutsche Ratspräsidentschaft im nächsten Jahr bieten diese Informationen ein Grundgerüst dafür, wo Europa mit seinen Regionen steht und welche Fragen sich daraus ableiten. Anfang Oktober 2019 stellten Dr. Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und Dr. Markus Eltges, Leiter des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Berlin den Europa-Atlas des BBSR vor.

Dr. Markus Kerber vom BMI betonte, dass uns der Blick auf die politische Entwicklung und Stabilität unserer Nachbarländer nicht egal sein kann und welche grundlegenden Prozesse sich dort abspielen. Wir wollen daher im Interesse einer stabilen EU einen Beitrag leisten für ein Gesamtbild der territorialen Entwicklungen in den Mitgliedstaaten. Der Europa-Atlas knüpft dort an, wo der Deutschland-Atlas endet. Er erlaubt einen Blick über den deutschen Tellerrand und eine Einordnung der deutschen Lebensverhältnisse im Vergleich mit anderen europäischen Staaten.

Was Europa aktuell bewegt

Insgesamt zeigt der Europa-Atlas, dass alle Staaten mit vergleichbaren Themen und Fragestellungen wie Deutschland konfrontiert sind, wie beispielsweise zur Demografie, zu Wanderungsbewegungen und regionalen Disparitäten. Staatenbezogen stellen sich die Herausforderungen dabei zum Teil ähnlich dar wie in Deutschland, sind zum Teil aber auch deutlich anders gelagert.

Sowohl die regionalen Disparitäten in den Mitgliedstaaten als auch Disparitäten zwischen den Mitgliedstaaten der EU (das heißt in der EU insgesamt) sind zum Teil deutlich größer als in Deutschland.

"Die regionalen Disparitäten", so Dr. Markus Kerber, "in und zwischen den Mitgliedstaaten der EU sind für Deutschland bedeutsam. Wirtschaftlich in einem gemeinsamen Binnenmarkt, aber auch politisch. Denn regionale Disparitäten und das Gefühl, abgehängt zu sein, leisten populistischer Politik und einer Ablehnung der EU Vorschub. Daran können wir in Deutschland kein Interesse haben."

Europa braucht deshalb auch in der kommenden Förderperiode der EU eine starke Kohäsionspolitik, die hilft, diese Unterschiede zwischen den Regionen in Europa zu verringern. Schließlich war und ist Europa ein Versprechen auf ein gutes und langes Leben in Ordnung, Sicherheit und Wohlstand.

Visualisierung der Lebenswelt in Europa

Der Atlas nähert sich mit fast 50 ausgewählten Karten und 30 Abbildungen den wichtigen Herausforderungen, vor denen Europa steht. Er adressiert die Themen Stadt und Land, Bevölkerung, Wanderungen, Arbeitsmarkt, Wirtschaft, Flächennutzung, Forschung und Erreichbarkeiten, also jene Themen, die die Lebenswelt in Europa beschreiben.

Bevölkerung in Städten und Gemeinden über 1.000 Einwohner (© BBSR)

Der Atlas zeigt, dass fast überall in Europa die Bevölkerung in städtischen Regionen zunimmt. Europa wird urbaner. Vor allem die Hauptstadtregionen wirken wie Magneten. Die schrumpfenden Regionen in Deutschland sind geprägt von Wanderungsverlusten und Sterbeüberschüssen. In westdeutschen Schrumpfungsräumen verringert sich die Bevölkerungszahl stärker durch Sterbeüberschüsse als durch Abwanderung - anders in Ostdeutschland, wo die Abwanderung noch schwerer wiegt. Der Atlas macht aber auch deutlich, dass Bevölkerungsverluste in den ländlichen Räumen in Europa kein generelles Phänomen darstellen und offensichtlich kein unaufhaltsames Schicksal sind.

Durchschnittliche jährliche Entwicklung der Einwohnerzahl in % 2001–2017 (© BBSR)

Der Zoom auf die lokale Ebene erlaubt einen noch detaillierteren Blick auf Entwicklungen der Bevölkerung innerhalb einer Region. Hier zeigt sich für den Zeitraum 2001 bis 2017, dass es auch in Regionen mit abnehmender Bevölkerung durchaus lokale Wachstumsinseln gibt.

Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise

Ein weiterer Aspekt, mit dem sich der Atlas befasst, ist die wirtschaftliche Entwicklung. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat Spuren hinterlassen und bestehende Disparitäten regional unterschiedlich akzentuiert. Die wirtschaftliche Gesamtleistung der Regionen nach der Wirtschafts- und Finanzkrise zeigt, dass die Krise die Konvergenz - also die wirtschaftliche Annäherung der Regionen - gebremst hat. Viele Regionen, insbesondere in Südeuropa haben die Wirtschaftsleistung von vor der Krise noch nicht erreicht und viele Regionen auch in Frankreich und den Vereinigten Königreich brauchten einige Jahre, bis deren Wirtschaftsleistung wieder das Niveau von vor der Krise erreichte. Es ist ein Europa der zwei Geschwindigkeiten.

Nachwirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise (© BBSR)

Mit Blick auf den Brexit wird deutlich, dass die europäische Unternehmenswelt eine extrem verflochtene Welt ist und dass auch die europäische Forschungslandschaft, also eine wesentliche Grundlage der europäischen Wettbewerbsfähigkeit in der Welt, hochgradig miteinander verwoben ist.

Der Atlas zeigt, Deutschland ist keine Insel in Europa. Entwicklungen in Deutschland können nur verstanden werden, wenn der Blick über die Grenzen erfolgt.

Dr. Markus Eltges vom BBSR im Pressegespräch zum Europa-Atlas (@ BBSR_bund)

"Der Blick auf die Strukturen und Trends macht deutlich", so Dr. Markus Eltges, "dass die Politik für sich annähernde Lebensbedingungen auch auf europäischer Ebene eine große Bedeutung haben muss. Denn die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede sind - trotz mancher Erfolge - nach wie vor sichtbar (auch innerhalb der Staaten): einerseits zwischen prosperierenden Räumen aber anderseits auch zwischen Regionen mit deutlich schlechteren Entwicklungsperspektiven."

Weitere Informationen:

Europa-Atlas als PDF-Datei Europaatlas - Website BBSR
Dort finden sich auch Informationen zum Bezug eines gedruckten Exemplars.

Volker Schmidt-Seiwert ist Projektleiter im Referat Europäische Raum- und Stadtentwicklung des BBSR und insbesondere zuständig für die europäische Raumbeobachtung des BBSR. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in regionalstatistischen und GIS-gestützten Analysen der räumlichen Strukturen und Entwicklungen in Europa.