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Soziale Innovation - Mythos oder Realität für Interreg-Projekte nach 2021?

Doris Scheer vom Diakonischen Werk Schleswig-Holstein über die Bedeutung der "sozialen Innovation" für die Europäische Territoriale Zusammenarbeit

Workshop zur Bedeutung der “sozialen Innovation” am 17. September 2019 in Hamburg (© Diakonisches Werk SH)

Soziale Innovation - Mythos oder Realität für Interreg-Projekte nach 2021? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines zweistufigen Prozesses, den das Diakonische Werk Schleswig-Holstein gemeinsam mit anderen Interreg B-Projekten aus den Programmräumen mit deutscher Beteiligung im Rahmen des SEMPRE-Andockvorhabens anstoßen möchte. Ein erster Austausch fand am 17. September 2019 auf einem Workshop in Hamburg statt.

Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein ist innovationsfreudig: angeregt durch die Förderpriorität "nicht-technologische Innovation" hat es sich im Jahr 2015 am ersten Call des Interreg-Ostseeraumprogramms (Baltic Sea Region) beteiligt. Diese Förderpriorität hat die Umsetzung des Projekts SEMPRE (Social Empowerment in Rural Areas) ermöglicht, bei dem 16 Partner aus dem Ostseeraum von 2016 bis 2018 erfolgreich zusammengearbeitet haben (www.sempre-project.eu). Die Projektergebnisse haben überzeugt, und mittlerweile ist das Andockprojekt "SEMPRE Accelerators for Service Co-Creation" am Start, das in der Projektverlängerung Themen- und Fragestellungen, die sich aus SEMPRE ergeben haben, aufgreift und vertiefend bearbeitet. In beiden Projekten taucht "soziale Innovation" nicht nur als Förderpriorität auf, sondern auch als wissenschaftliches Konzept, politisch-strategische Ausrichtung und als praktischer Handlungsrahmen.

Was bedeutet "nicht-technologische Innovation" oder "soziale Innovation"?

Nicht-technologische oder soziale Innovation ist ein wichtiger Baustein im Kontext europäischer territorialer Zusammenarbeit. Allerdings kommt man bei näherer Betrachtung der Förderprioritäten und Zielsetzungen der verschiedenen Interreg-Programmräume nicht umhin, die Dehnbarkeit der Förderpriorität "nicht-technologische/soziale Innovation" festzustellen; inhaltlich spiegeln auch die geförderten Projekte diese Elastizität wider. Es erscheint schwierig, Kriterien oder einen Referenzrahmen für eine genauere Beschreibung sozialer Innovationen zu entwickeln.

Außerdem lässt sich festhalten, dass nicht nur im Interreg-Programmkontext, sondern auch in Wissenschaft und Politik "nicht-technologische Innovation" häufig in Abgrenzung zu technischer Innovation definiert wird - also nicht als eigenständiger, aus sich heraus relevanter Bereich gesehen wird. Wissenschaftliche Forschung beschäftigt sich eher selten mit der Frage, was "nicht-technologische Innovation" ausmacht oder welche Rahmenbedingungen benötigt werden, um diese Form von Innovation gezielt zu fördern. Auf der politischen Ebene wird "soziale Innovation" oft als Heilmittel für verschiedenste soziale Probleme gehandelt und in enger Verknüpfung mit Arbeitsmarktbedarfen und Beschäftigungsfähigkeit diskutiert. In der Praxis verliert sich "soziale Innovation" nicht selten im Alltagshandeln, was unter anderem aus der geringen gesellschaftlichen Anerkennung des sozialen Bereichs insgesamt resultiert.

Es ist offensichtlich, dass unterschiedliche Betrachtungsweisen zu unterschiedlichen Herangehensweisen, Erwartungen und Entwürfen führen, die zum Bild eines diffusen, unklaren Konzepts beitragen. Allerdings zeigen Diskussion und Gespräche, dass sich spezifische Aspekte herausarbeiten lassen, die helfen, das Konzept "nicht-technologische Innovation" zu konturieren:

  • neue Kombinationen bereits vorhandener Dienstleistungen
  • Integration von Nutzerinnen und Nutzern und ihres Expertenwissens bei der Entwicklung neuer Dienstleistungen (Co-Creation)
  • Unterstützung von Co-Creation-Prozessen
  • Sektor-, organisations- und fachübergreifende Zusammenarbeit
  • Netzwerkbildung, die Personen, Gruppen und Organisationen adressiert, die bislang nicht in einen Austausch eingebunden waren
  • Ausloten neuer Kommunikationsformate und -kanäle

Die SEMPRE-Projektergebnisse (wie auch die Ergebnisse anderer Projekte aus den verschiedenen Interreg-Programmräumen) verdeutlichen die Relevanz, die unsere Projektarbeit für integrierte Regionalentwicklungsstrategien haben kann. Aus diesem Grund betrachten wir "nicht-technologische Innovation" als ein Konzept, das in europäischen Kohäsionsstrategien und in Strategien zur territorialen Zusammenarbeit fest verankert sein sollte. Als Förderpriorität leistet das Konzept einen wesentlichen Beitrag für eine "harmonische wirtschaftliche, soziale und territoriale Entwicklung" innerhalb der Europäischen Union und sollte mit Mitteln ausgestattet sein, die das Erreichen dieser Zielsetzung ermöglicht.

Workshop und Positionspapier zur Bedeutung "nicht-technologische Innovation"

Um diesen Prozess aktiv zu unterstützen, hat das Diakonische Werk Schleswig-Holstein ausgewählte Interreg B-Projekte, die unter der Förderpriorität "nicht-technologische Innovation" gefördert werden oder wurden zu einem ersten Workshop zum Austausch am 17. September 2019 nach Hamburg eingeladen. In kleiner Runde wurde über die Bedeutung des Konzepts für die Projektarbeit diskutiert, wie in den unterschiedlichen Interreg-Programmräumen "nicht-technologische Innovation" abgebildet und wie das Konzept bislang in die Neugestaltung der Verordnung des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung 2021 - 2027 eingebettet ist. Diese Gesprächsergebnisse fließen in einen Online-Fragebogen ein, der Anfang Oktober an fünfundfünfzig Interreg geförderte Projekte versandt wird. Die Fragebogenergebnisse wiederum sind die Grundlage für ein Positionspapier, das auf einer Konferenz (3. und 4. Dezember 2019 in Berlin) vorgestellt wird, zu welcher Vertreter und Vertreterinnen aus Wissenschaft, Politik und Praxis eingeladen werden.

Das Positionspapier soll eine Argumentationshilfe sein, um das Potenzial des Konzepts "nicht-technologische Innovation" sichtbar zu machen und seine Relevanz für eine integrierte europäische Kohäsionspolitik zu verdeutlichen. Darüber hinaus will das Positionspapier zum Diskurs über das Thema einladen, der Wissenschaft, Politik und Praxis zusammenbringt und der dazu beiträgt, dass die Interreg-Community vor allem in den Jahren nach 2021 mit vielen sozialen Innovationsprojekten bereichert wird und wächst.

Links:

SEMPRE/News & Activities
SEMPRE

Doris Scheer ist Europareferentin des Diakonischen Werks Schleswig-Holstein, dem Lead Partner des Projektes SEMPRE.