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Eine gemeinsame Vision für den Alpenraum - was nun?

Brigitte Ahlke berichtet über das ESPON-Projekt "Alps2050 - Common Spatial Perspectives for the Alpine Area. Towards a common vision"

Workshop zu den Ergebnissen des EPSON-Projekts Alps 2050 (© Brigitte Ahlke)

Wie kann die Vision Alp 2050 für eine nachhaltige Entwicklung des Alpenraums konkretisiert und umgesetzt werden? Diese und weitere Fragen diskutierten rund 40 Vertreterinnen und Vertreter der makroregionalen EU-Strategie für den Alpenraum, der Alpenkonvention und des Interreg B-Förderprogramms für den Alpenraum zusammen mit weiteren Experten aus Wissenschaft und Verwaltung. In dem Workshop, der am 11. März 2019 in München stattgefunden hat, ging es vor allem um die Kapitalisierung der Ergebnisse des ESPON-Projekts Alps2050.

Das kürzlich abgeschlossene Projekt "Alps 2050 - Common Spatial Perspectives for the Alpine Area. Towards a Common Vision" hat wichtige Grundlagen für Debatten über die Raumentwicklung des Alpenraums geschaffen. Es geht auf eine Initiative der für Raumentwicklung zuständigen Minister der Alpenstaaten zurück, die während der deutschen Präsidentschaft der Alpenkonvention (2015 bis 2016) eine gemeinsame Erklärung für eine nachhaltige räumliche Entwicklung der Alpen unterzeichnet haben und die Notwendigkeit ausgedrückt haben, räumliche Perspektiven und eine Vision für den Alpenraum zu entwickeln.

Analyse gemeinsamer Herausforderungen und der Auswirkungen

Ziel des Projektes war es, auf der Grundlage von Analysen zu gemeinsamen Herausforderungen des Alpenraums und unter Einbeziehung von verschiedenen Stakeholdern eine Vision zu erarbeiten, wie eine nachhaltigere Entwicklung des Alpenraum erreicht und eine harmonische Entwicklung über Grenzen und räumlichen Perimeter hinweg sichergestellt werden kann. Dabei wurden wichtige Themen, die die Entwicklung des Alpenraumes betreffen, berücksichtigt, wie etwa notwendige Anpassungen an den Klimawandel, der demografische Wandel und seine Folgen, die Entwicklung des Verkehrs und Erreichbarkeiten, Siedlungsstrukturen und Landnutzung, die ökologische Vielfalt und Vernetzung, das kulturelle und natürliche Erbe, aber auch die Governance und Kooperationsstrukturen. Die Analyse zeigt, wie Entwicklungen in ausgewählten Themenfeldern eine nachhaltige räumliche Entwicklung beeinflussen und welche Auswirkungen sie für verschiedene Raumtypen des Alpenraums haben, also für städtische und ländliche Gebiete, für Berggebiete oder geschützte Gebiete.

Der Alpenraum: komplex und dynamisch

Prof. Tobias Chilla von der Universität Erlangen-Nürnberg - Hauptauftragnehmer des Projektes - zeigte in seinem einführenden Vortrag eindrucksvoll, wie komplex und dynamisch der Alpenraum ist. Verschiedene räumliche Muster, wie etwa eine Nord-Süd-Trennung in Bezug auf Beschäftigung, Wirtschaftsstärke und Innovationskraft, stehen neben Zentrum-Peripherie-Mustern in Bezug auf Tourismus oder einem Ost-West-Gefälle in der Landwirtschaft. Auch wird der wirtschaftliche Entwicklungspfad einer Region nach wie vor stark durch die nationale Zugehörigkeit beeinflusst, demgegenüber ist die Lage - ob inneralpin oder Alpenvorland - weniger entscheidend. In Bezug auf die Ökosystemdienstleistungen zeigen Angebot und Nachfrage deutlich unterschiedliche Muster. Die ökologischen Funktionen der Alpenregion gehen weit über die Region hinaus. Die Analyse der Governance im Alpenraum ist durch eine institutionelle Vielfalt, unterschiedliche Planungskulturen und durch langjährige Praxis in territorialer Zusammenarbeit geprägt, die eine Multi-Level-Governance und grenzüberschreitende Zusammenarbeit erfordert.

Vision für die Entwicklung des Alpenraums bis 2050 (© ESPON)

Szenarien und Perspektiven für den Alpenraum

In vier Szenarien, die unterschiedliche fachliche Themen, politische Ansichten und Instrumente widerspiegeln, wurden verschiedene Perspektiven für die Menschen und Räume, die Wirtschaft und die Umwelt illustriert: Neben einem "Status-quo-Szenario" gibt es ein Szenario "Geschützte Alpen", das im Kern weitreichende Umweltmaßnahmen in den inneren Alpen vorsieht, ein Szenario "Funktionaler Raum", das den Fokus auf funktionale Beziehungen zwischen den räumlichen Einheiten legt, und ein Szenario "Europäischer Kern", das die Rolle der wirtschaftlichen Ströme und Knotenfunktionen des Alpenraums in den Vordergrund stellt. Die aus den Szenarien und Perspektiven entwickelte Vision bietet eine Reihe von Denkanstößen für Politik und Verwaltung, Prozesse aufzusetzen, die zu einer nachhaltigen Entwicklung der Alpen bis 2050 beitragen.

Interaktive Diskussion zur Kapitalisierung der Ergebnisse

Genau hier setzte die Diskussion in dem interaktiven Teil des Kapitalisierungsworkshops an. Wie kann die vorgeschlagene Vision konkretisiert und auf möglichst kohärente Weise umgesetzt werden? Wie können verschiedene Sektoren zusammenarbeiten und wie können Raumplaner grenzüberschreitend zusammenarbeiten? Wie können internationale Alpenakteure wie die Alpenkonvention, die EU-Strategie für den Alpenraum (EUSALP) und das Interreg-Alpenraumprogramm (ASP) die Schlussfolgerungen des Projektes für ihre eigenen Zwecke und für ihre gemeinsame Zukunft optimal nutzen? Diese Fragen wurden nach der World Café-Methode an vier thematischen Stationen diskutiert:

Translating the Atlas for politicians and decision-makers: Die Frage, welche Botschaften aus der Analyse besonders wichtig sind, wurde anhand des druckfrisch zum Workshop vorliegenden Atlas "Alps 2050" diskutiert, der im Rahmen des Projektes erarbeitet wurde. Die Teilnehmenden waren gefordert, zu erläutern, welche drei Karten und damit Botschaften sie wählen würden, um den Atlas für Politiker und Entscheidungsträger zu übersetzen. Hier zeigte sich ein sehr vielfältiges Bild - geprägt durch die verschiedenen professionellen Hintergründe und Verantwortlichkeiten.

Alpine Spatial Planning Perspective: An dieser Station stand die Vision Alps2050 im Vordergrund, die raumplanerische Fragen im ESPON-Projekt in kartographischer Weise pointiert hatte. Die Teilnehmenden waren aufgefordert, auf großformatigen Ausdrucken den Erstaufschlag aus dem Projekt weiterzuentwickeln. Es wurden der Abgleich mit nationalen und regionalen Szenarien diskutiert und Ergänzungsvorschläge, wie angrenzende Gebiete und Verbindungen, grüne Infrastrukturen oder Twin Cities, aufgezeigt.

Formulating a declaration: Wird eine gemeinsame Erklärung benötigt, um der Vision Aufmerksamkeit und Wirkkraft zu geben? Welchen Charakter sollte eine solche Deklaration haben und welche Zielgruppe ist damit verbunden? Auf welcher Ebene sollte eine solche Erklärung ggf. gezeichnet werden und was ist realistisch? Wie sollte der Erarbeitungsprozess erfolgen - top-down, bottom-up oder in Anlehnung an das deutsche Gegenstromprinzip? Diese Fragen wurden an der dritten Station aufgeworfen.

Building on particular strengths of the "Big 3": Wie können die größten internationalen Alpenakteure Alpenkonvention, EUSALP und das Interreg Alpenraumprogramm die Ergebnisse nutzen? Hier wurden neben den unterschiedlichen räumlichen Parametern dieser Akteure der jeweilige spezifische Charakter von Alpenkonvention (völkerrechtlicher Vertrag), EUSALP (makroregionale Strategie) und ASP (Förderprogramm) und den daraus resultierenden Friktionen thematisiert. Vor allem das Verhältnis von EUSALP und Alpenkonvention war hier ein Thema, ebenso wie der Punkt, dass das Alpenraumprogramm nicht das Finanzierungsinstrument der EUSALP sein kann, sondern nur eines unter anderen.

Viel "food for thought" für die Teilnehmer

Die abschließende Podiumsdiskussion mit Vertretern der drei genannten Alpenorganisationen zeigte deutlich, dass die im Projekt erarbeiteten Analysen von allen Akteuren genutzt werden können. Hinsichtlich der Notwendigkeit einer gemeinsamen Deklaration sind noch viele Fragen offen, die es zu klären gilt. Der Workshop war hierzu ein wichtiger Schritt. Mein Eindruck ist, dass die Teilnehmer eine Menge "food for thought" mit nach Hause nehmen konnten. Für mich - als deutsche Vertreterin im Programmausschuss des Interreg B-Alpenraumprogramms - hat die Diskussion auch im Hinblick auf die anstehende Vorbereitung der nächsten Interreg-Programmperiode ab 2021 eine Reihe von Denkanstößen geliefert.

Weitere Informationen: Alps2050 - ESPON website

Brigitte Ahlke ist Projektleiterin im Referat für Europäische Raum- und Stadtentwicklung des Bundesinstituts für Stadt-, Bau- und Raumforschung (BBSR). Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die europäische Raumentwicklungspolitik und die transnationale Zusammenarbeit im Rahmen von Interreg. Im Bereich Interreg betreut sie die Programme Alpenraum und Mitteleuropa und ist zuständig für Begleitforschung, Ergebnistransfer und Öffentlichkeitsarbeit.