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SEMPRE: Make Empowerment Happen! Changing Mindsets for Better Social Services

Interview mit Doris Scheer über die Abschlusskonferenz und Ergebnisse des Interreg-Projekts SEMPRE

Doris Scheer bei der Abschlusskonferenz SEMPRE (© Aleksandrs Baklans)

Seit drei Jahren arbeiten die Projektpartner des Interreg-Projekts SEMPRE (Social Empowerment in Rural Areas) mit "Empowerment-Ansätzen" an der Stärkung sozialer Dienstleistungen in den ländlichen Gebieten des Ostseeraums. Ziel des Projekts ist es, Wege zu finden, wie Sozialdienstleister die Nutzer ihrer Dienste - die oft zu benachteiligten Gruppen gehören - in die Lage versetzen können, an Dienstleistungsinnovationsprozessen teilzunehmen. Empowerment befasst sich mit drei Dimensionen: der individuellen, organisatorischen und gesellschaftlichen. Alle drei Dimensionen werden durch SEMPRE abgedeckt und spiegeln sich in den Projektergebnissen wider, die auf der Abschlusskonferenz vom 27.11. bis 28.11.2018 in Riga vorgestellt wurden. Doris Scheer vom Diakonischen Werk Schleswig-Holstein berichtet im Interview über die Abschlusskonferenz und Ergebnisse des Projekts.

Was waren die Inhalte der SEMPRE-Abschlusskonferenz?

Nachdem sich das Projekt SEMPRE nun mit großen Schritten seinem Abschluss nähert, war die Konferenz in Riga eine großartige Gelegenheit, einem breiten Publikum die Arbeitsergebnisse unseres SEMPRE-Projekts vorzustellen und diese zu diskutieren. Zusätzlich wollten wir einen Blick über unser Projekt und auch über den Ostsee-Programmraum hinauswerfen, und hatten aus diesem Grund interessante Beiträge zu Organisationsformen und sozialer Innovation aus Italien in das Konferenzprogramm aufgenommen und mit Prof. Peter Beresford als Keynote Speaker einen ausgewiesenen Experten für Empowerment an Bord.

Wir haben uns sehr über die rege Teilnahme gefreut, zeigt sie doch den großen Bedarf an konzeptioneller Reflektion sowie auch das Interesse an praktischer Umsetzung von Empowerment. 104 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich für zwei Tage in der kleinen Aula der Universität Lettland mitten im Zentrum Rigas zusammen gefunden, um über "empowerment, user involvement, social innovation, EU funding and cooperation" zu diskutieren sowie einen Zukunftsentwurf für soziale Dienstleistungen im Jahr 2030 zu erarbeiten und diese Erwartungen als Empfehlungen an Entscheidungsträger weiterzugeben.

Die SEMPRE-Projektergebnisse, wie das Empowerment Handbook, Leitfaden für Organisationsentwicklung, die Trainingsmodule und achtzehn Mikroprojekte, die in Riga ihre erfolgreiche Arbeit vorstellen konnten, dienten als Grundlage für diesen intensiven Austausch.

Was waren Ihre persönlichen Eindrücke von der Abschlusskonferenz?

Der Austausch zu den SEMPRE-Projektergebnissen und die große Resonanz auf das Gespräch, das ich Anfang Oktober in London mit Prof. Peter Beresford unter dem Titel "Empowerment and User Involvement - From having a voice to having a say" führen durfte und das wir für die Riga-Konferenz aufgezeichnet hatten, zeigen, dass Beteiligungsformen und -möglichkeiten Themen sind, die Menschen ganz stark bewegen. Beteiligung und Inklusion finden in der Praxis statt und beeinflussen in hohem Maß soziale Dienstleistungen, die den Alltag vieler Menschen gestalten und beeinflussen. Ich nehme aus der Konferenz mit, dass sich insbesondere für diejenigen, die soziale Dienstleistungen erbringen, tiefgreifende Herausforderungen auftun, damit Nutzerbeteiligung zu einem konstruktiven Arbeitsansatz werden kann.

Ein besonderes Highlight, das ich neben den vielen inspirierenden und ermutigenden Gesprächen mitnehme, ist das "graphic recording". Mit Hilfe dieser Visualisierungs- und Dokumentationstechnik ist es möglich, unseren Konferenz- und Diskussionsverlauf ganz leicht nachvollziehen (www.sempre-project.eu).

Was waren wichtige Erfahrungen und Ergebnisse innerhalb des Projekts SEMPRE?

SEMPRE hat sich zum Ziel gesetzt, soziale Dienstleister zu ermutigen, mit dem Konzept Empowerment innovative Wege zu erforschen, soziale Dienstleistungen neu zu denken, zu verbessern und / oder gemeinsam mit Nutzerinnen und Nutzern zu initiieren. Was sich in dieser Zusammenfassung schön liest, ist in der Praxis ein anstrengendes Vorhaben mit Wendungen, die sich manchmal als hinderlich, unvorhersehbar, erstaunlich oder beeindruckend erwiesen haben. Wir haben gelernt, dass Transformationsprozesse auf individueller, organisationaler und gesellschaftlicher Ebene oftmals keine linearen Entwicklungen durchlaufen. Zum Beispiel sind Mikroprojekte entstanden, die wir uns gar nicht vorstellen konnten und andere, von denen wir überzeugt waren, sind gescheitert. Finanzielle Ressourcen stehen unter Umständen für Mikroprojekte zur Verfügung, aber oft nur unter der Bedingung, dass das Mikroprojekt in eine offizielle anerkannte juristische Organisationsform übergegangen ist. Soziale Dienstleister tun sich schwer mit Nutzerinnen und Nutzern, die kundtun, dass sie Dienstleistungen verändern und an Entscheidungen beteiligt sein wollen. Organisationsstrukturen müssen für diese Form der Beteiligung überdacht und Mitarbeitende qualifiziert werden, damit sie Beteiligungsinstrumente effektiv einsetzen und Beteiligungsräume entfalten können. Wir als SEMPRE Partnerschaft sind davon überzeugt, dass Empowerment und Nutzer-/Nutzerinnenbeteiligung einen Mehrwert für soziale Dienstleister darstellt, der sich durch eine zu erwartende erhöhte Nachfrage, verbesserte Flexibilität, um auf Veränderungen des Umfeldes zu reagieren, optimalen Ressourceneinsatz aufgrund passgenauer Dienstleistungsangebote und verstärkte Innovationskraft durch die Integration von Erfahrungswissen langfristig abbilden lässt.

Damit sind auch gleichzeitig die SEMPRE-Projektergebnisse angesprochen:

  • Das Empowerment Handbook, das sich an Dienstleister, ihre Mitarbeitenden oder an Menschen wendet, die mit sogenannten "benachteiligten Zielgruppen" arbeiten. Das Handbook beschreibt den Empowerment Ansatz, partizipative Instrumente zum Beispiel für die Bedarfserhebung und -analyse und hält zum Schluss praktische Hinweise parat, die wir direkt aus unserer Projektarbeit ableiten.
  • Die Roadmap, die sich an Dienstleister richtet und Schritte für die Umsetzung von Empowerment im Organisationskontext skizziert. Die Roadmap will Hilfestellung und Anregung zugleich anbieten, um Strukturveränderungen innerhalb von Organisationen, die für die Arbeit mit Empowerment und Nutzer-/ Nutzerinnenbeteiligung notwendig sind, in den Blick zu nehmen.
  • Die Trainingsmodule (Guidebook) sind für die Schulung von Mitarbeitenden und andere Interessierte gedacht, die neue Kompetenzen oder vorhandene vertiefen wollen, um sich bestmöglich auf die Arbeit mit Nutzerinnen und Nutzern vorzubereiten. Action Learning wird eingeführt, um auf diese Weise sowohl die Nutzer-/Nutzerinnenbeteiligung als auch den Veränderungsprozess in der eigenen Organisation unterstützen zu können.
  • Die Mikroprojektbroschüre, die einen Einblick in die bunte und anregende Welt von Beteiligung erlaubt. Die Broschüre beschreibt die vielen entstandenen Ansätze im Dienstleistungsbereich, die vom Kinderbetreuungsangebot während ärztlicher Sprechstunden bis hin zur Gründung einer Nähkooperative reichen und dient als Anregung zum Nachmachen.
  • Die Politikempfehlungen, die die Hindernisse, in den Blick nehmen, an welchen innovative Mikroprojekte und soziale Dienstleister scheitern können und die gleichzeitig aber auch Vorschläge unterbreiten und Empfehlungen aussprechen, die auf den SEMPRE-Praxiserfahrungen basieren. Die Politikempfehlungen richten sich an die lokale, regionale, nationale und EU-Ebene, die alle in ihrer Funktionalität dazu beitragen können, dass innovative bottom-up entwickelte Projekte anerkannt und unterstützt werden, damit sie ihr ganzes Potenzial entfalten können.

Was hat Ihnen persönlich an der Arbeit im Projekt SEMPRE gefallen und wie geht es nach Projektabschluss weiter?

SEMPRE ist eine Projektpartnerschaft, die auf einem starken Kooperationswillen und dem umfassenden gemeinsamen Interesse am Thema "Empowerment" fußt. 16 Partner haben sich zusammengetan, um 36 Monate lang intensiv an theoretischen und praktischen Fragestellungen mit dem Fokus der Verbesserung bereits vorhandener bzw. der Entwicklung neuer sozialer Dienstleistungen zu arbeiten. Ein derartiges Vorhaben läuft nicht reibungslos: Unterschiedliche Arbeits- und Organisationskulturen, ordnungspolitische Kontexte, kulturelle Gegebenheiten und Sprachkompetenzen mussten beispielsweise wahrgenommen und berücksichtigt werden, damit SEMPRE zu einer arbeitsfähigen und motivierenden Lernplattform und zum Impulsgeber werden konnte. Jeder SEMPRE-Projektpartner spielt sein Instrument und seine ganz besondere Melodie, aber zusammen sind wir ein Orchester, das die SEMPRE-Symphonie entstehen lässt. Das dies gelungen ist, freut mich ganz besonders, denn SEMPRE ist gelebte europäische Realität, die zeigt, dass grenz-, organisations- und disziplinübergreifende Zusammenarbeit nicht nur möglich, sondern bereichernd, produktiv und erfolgreich ist.

Nicht nur im Fußball gilt: "Nach dem Spiel, ist vor dem Spiel". Wir möchten unsere transnationale Kooperation verstetigen und unsere Projektergebnisse vertiefen. Aus diesem Grund sind wir auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten. Im Moment konzentrieren wir uns auf den offenen Call des Interreg Baltic Sea Region-Programms; ein erfolgreicher Antrag könnte SEMPRE eine Anschlussphase ermöglichen. Wir sind bei der Arbeit!

Außerdem freuen wir uns sehr, dass wir uns im kommenden Jahr, unterstützt durch das Bundesprogramm für transnationale Zusammenarbeit, intensiv mit dem Thema "Soziale Innovation" beschäftigen können. In diesem Rahmen werden wir zu einer Konferenz einladen und eine Roadshow erarbeiten, die dazu beitragen soll, das Thema soziale Innovation ganz oben auf der Tagesordnung zu halten - insbesondere mit Blick auf die Ausgestaltung der neuen EU-Förderprogramme nach 2020.

Aber noch einmal zurück zu SEMPRE: Die SEMPRE-Partnerschaft möchte Sie ganz herzlich einladen, die Projektergebnisse in Form von Handbook, Roadmap, Guidebook und zum Jahreswechsel auch die Politikempfehlungen als Arbeitsdokumente zu nutzen, sie für Ihre Kontexte zu adaptieren, ihre Transferierbarkeit zu testen und für ihre Verbreitung zu sorgen.

Make Empowerment Happen!

Wir freuen uns auf Ihr Feedback: sempre@sempre-project.eu

Weitere Informationen: SEMPRE

Doris Scheer ist Europareferentin des Diakonischen Werks Schleswig-Holstein, dem Lead Partner des MAMBA-Projektes.