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3. Dezember 2018

Interreg Nordwesteuropa (NWE) - ein Zwischenstand: Erfolge und noch bestehende Herausforderungen

Sina Redlich berichtet über die Umsetzungsevaluierung des NWE-Programms

Stadtzentren im NWE-Programmraum: Hier Blick von Leverkusen nach Köln über den Rhein (© Marc Boberach, Pixelio) StadtzentrenStadtzentren im NWE-Programmraum: Hier Blick von Leverkusen nach Köln über den Rhein Quelle:  Marc Boberach, Pixelio

Das NWE-Programm läuft auf Hochtouren: Das Programm hat in diesem Jahr ganze drei Aufrufe für Projektanträge gestartet und kürzlich im Rahmen des thematischen Calls zu erneuerbaren Energien eine Reihe hoch dotierter Projekte genehmigt. Das Programm hat nun etwa 68% seines EFRE-Budgets gebunden. Im Rahmen des achten Calls hat das Programm zuletzt weitere 69 Projektanträge erhalten, über deren Zulassung zur zweiten Antragsstufe im Februar 2019 entschieden wird. Genau der richtige Zeitpunkt also, um mit etwas Abstand auf die Erfolge und noch bestehenden Herausforderungen des Programms zu schauen.

Für seine Umsetzungsevaluierung hat das NWE-Programm ein Team aus zwei unabhängigen Beratungsfirmen beauftragt. Begleitet wurde deren Arbeit von einer Arbeitsgruppe, die sich aus Vertretern des Gemeinsamen Sekretariats, der NWE-Verwaltungsbehörde, einigen Mitgliedsstaaten und einem Vertreter der NWE-Kontaktstelle zusammensetzt. Ich habe für Deutschland daran teilgenommen und dadurch Gelegenheit gehabt, zum Beispiel die Forschungsfragen mit zu formulieren und die ersten Ergebnisse zu kommentieren.

Beitrag des NWE-Programms zum territorialen Zusammenhalt

Der umfassende Entwurfsbericht der Evaluation wurde nun vom Begleitausschuss zu Kenntnis genommen und im nächsten Schritt wird ein Aktionsplan erarbeitet, um die Empfehlungen der Evaluatoren in die Praxis umzusetzen. Der Evaluationsbericht ist ein umfangreiches Werk, das sowohl die Organisation und die Verwaltungsabläufe des Programms untersucht hat, wie auch die Relevanz von Projekten und deren Beitrag zu den Programmzielen sowie zu den Europa 2020 Zielen. Besonders spannend für mich war das Kapitel, in dem es um den Beitrag des Programms zum territorialen Zusammenhalt ging.
Darin wird aufgezeigt, dass die Unterstützung aus dem NWE-Programm gut auf wirtschaftsschwache und leistungsfähige NUTS-Regionen verteilt ist. Das Programm hat einen Einfluss auf den Abbau von regionalen Disparitäten, insbesondere in den Regionen, in denen NWE-Projekte aktiv sind und einen direkten Einfluss haben.

Standorte der Projektpartner und Verteilung der Programmmittel

Die Standorte der meisten Projektpartner konzentrieren sich auf das Dreieck Lille-Amsterdam-Dortmund, gefolgt von Irland, Schottland und Nordfrankreich. Es gibt noch eine Reihe von Regionen, in denen keine Projektbeteiligungen zu verzeichnen sind.

Schaut man auf die Verteilung der Programmmittel pro Kopf, so erkennt man, dass sich die Förderung auf die Grenzregion zwischen Frankreich und Belgien, Wallonien, den Südniederlanden und Luxemburg konzentriert. Auch Schottland verzeichnet eine hohe pro Kopf Förderung. Betrachtet man die unterschiedlichen Regionen, die den Nordwesteuroparaum ausmachen, zeigt sich, dass die NWE-Mittel überwiegend an städtische und intermediäre Regionen gegangen sind, weniger an ländliche Gebiete.

Trotz einiger positiver Aspekte zeigt das Programm also keinen generellen Trend auf, der auf eine ausgewogene räumliche Entwicklung hinwirken könnte. Der Vorsprung wirtschaftlich leistungsfähiger Metropolen bleibt dominierend.

Vorteil für Projekte, die zu Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum beitragen

Dennoch tragen laufende Projekte sowohl zu Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum wie auch zur ausgewogenen Entwicklung und zum Zusammenhalt der Region bei. Bei dem aktuellen Fokus des Programms auf die Quantifizierung von Ergebnissen haben die Projekte, die zu Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum beitragen einen Vorteil – ihre Ergebnisse sind besser messbar. Dadurch zeigt sich eine Tendenz im Programm, so die Evaluatoren, diese Projekte zu bevorzugen. Damit wird gleichzeitig aber anderen Projekten, die zu einer ausgewogeneren Entwicklung der Region beitragen wollen und so die Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen schwächeren und stärkeren Räumen ausgleichen wollen, weniger Platz im Programm eingestanden.

Programm künftig stärker als Instrument des räumlichen Ausgleichs nutzen

Aus deutscher Sicht ist es eine wichtige Herausforderung für den Interreg-Programmraum Nordwesteuropa, seine Wirtschaftskraft in den Stadtzentren künftig stärker so zu nutzen, dass auch das Stadtumland und die ländlichen Gebiete davon profitieren können. Vor dem Hintergrund der großen Unterschiede im Programmraum erscheint es mir wichtig, das Programm zukünftig stärker als Instrument des räumlichen Ausgleichs anzuwenden. Es sollten die Verflechtungen zwischen den Städten und ihrem Umland gestärkt werden, als weiter die Mittel dorthin zu konzentrieren, wo ohnehin die Wirtschaft blüht. Dabei müssen die Bedürfnisse der Menschen in Stadt, Umland und auf dem Land im Vordergrund stehen.

In den Hinweisen für die Projekte des 8. Calls (Call 8 - Interreg North-West Europe) hat das NWE-Programm - ganz in unserem Sinne - gerade solche Projekte zur Antragstellung aufgerufen, die einen starken Beitrag zur Verringerung der territorialen Ungleichheiten leisten wollen. 69 Projektanträge liegen vor, ich bin gespannt, wie die Projekte sich dieser Aufgabe angenommen haben!


Weitere Informationen zum Nordwesteuropaprogramm:

Nordwesteuropa

Interreg North-West Europe 2014-2020


Sina Redlich ist Mitarbeiterin im Referat Europäische Raum- und Stadtentwicklung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Europäische Raumentwicklungspolitik und transnationale Zusammenarbeit im Rahmen von Interreg B. Sie betreut auf Seiten des BBSR das Nordwesteuropa-Programm, INTERACT, das Bundesprogramm Transnationale Zusammenarbeit sowie Forschungsprojekte im Themenbereich.