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Mit dem Zug über die Grenze: TRANS-BORDERS verbessert Erreichbarkeit peripherer Regionen

Marcel Richter über die Bedeutung des Projektes für Sachsen und die lange Tradition von EU-Projekten zur besseren Verbindung nach Tschechien und Polen

ODEG in Löbau (© ZVON, Hinz)

Ziel des Interreg-Projektes TRANS-BORDERS ist die Verbesserung der Erreichbarkeit peripherer Grenzregionen im gesamteuropäischen Verkehrsnetz (TEN-T-Netz). Vielfach sind in diesen Bereichen die länderübergreifenden Verbindungen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) nur unzureichend ausgebaut und somit ein Hemmnis für das Zusammenwachsen der lokalen Grenzregionen. Mit innovativen und regional maßgeschneiderten Lösungsansätzen sollen Defizite behoben werden und durch verbesserte regionale Angebote des ÖPNV in peripheren Gebieten die Zugänglichkeit zu den nächstgelegenen TEN-T-Knoten optimiert werden.

Welchen Problemstellungen steht der grenzüberschreitende öffentliche Personennahverkehr gegenüber?

Das Schengen-Abkommen ermöglicht seit 2007 das grenzenlose Reisen in ganz Mitteleuropa. Die Herausforderungen allein für die Planung und die Durchführung grenzüberschreitender Bus- und Bahnverkehre sind vielfältig. Unterschiedliche Finanzierungspraxen des ÖPNV in den einzelnen Staaten machen beispielsweise gemeinsame Vergaben sehr aufwändig. Hinzu kommen unterschiedliche Infrastruktur- und Technikanforderungen oder das Thema Sicherheit. Zudem haben die Nutzer aus den verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlichste Gewohnheiten bei der Nutzung von ÖPNV-Angeboten. Dadurch ist beispielsweise die Planung von einheitlichen Tarifangeboten oder Auskunftssystemen von Verbindungen in den benachbarten Regionen sehr komplex. Sprachliche Barrieren fordern die Bereitstellung multilingualer Auskünfte in allen Bereichen.

Welche Bedeutung hat das Projekt für die Region Oberlausitz-Niederschlesien und welchen Beitrag kann es zur Raumentwicklung im Dreiländereck liefern?

Die Relevanz länderübergreifender Verkehrssysteme zeigt sich insbesondere bei der Betrachtung der Lage Sachsens: Der Anteil der Außengrenzen des Freistaates zu den Nachbarländern Polen und Tschechien liegt mit 577 Kilometern bei rund 53 Prozent. Nachdem im Juli 2014 die Verbindung zwischen Sebnitz und der tschechischen Stadt Dolní Poustevna in Betrieb genommen werden konnte, bestehen im sächsischen Schienenverkehr 14 grenzüberschreitende Eisenbahnverbindungen, acht davon im Gebiet des Verkehrsverbundes Oberlausitz-Niederschlesien.

Die Region Oberlausitz-Niederschlesien befindet sich zwischen zwei TEN-T-Korridoren ("Baltic-Adriatic" und "Orient/East-Med"). Beide werden durch die Bahnstrecke von Dresden über Bautzen nach Wrocław miteinander verbunden. Eigentlich gute Voraussetzungen für eine funktionierende Anbindung der Region im Dreiländereck und der mehr als 1,5 Millionen Menschen, die im Einzugsgebiet leben. Allerdings blickt die Bahnlinie Dresden - Wrocław auf eine sehr bewegte Vergangenheit zurück: Bis heute sind die Folgen des Eisernen Vorhangs spürbar. So fahren die Züge auf deutscher Seite beispielsweise mit Dieseltriebwagen, während die polnischen Triebwagen elektrisch sind - die unterschiedliche Technik und die verschiedenen staatlichen ÖPNV-Systeme behindern eine schnelle, durchgehende Verbindung. Die Strecke von Dresden nach Liberec dagegen zeigt, wie grenzüberschreitende Zusammenarbeit besser gelebt werden kann. Diese konnte in ein gemeinsames Vergabeverfahren mit zwei tschechischen und zwei deutschen Partnern integriert werden. Im Rahmen von TRANS-BORDERS werden vorhandene Verbindungen evaluiert und attraktive und vor allem konstante Angebote geschaffen, um die Erreichbarkeit der Regionen langfristig national und international zu verbessern. Die Sicherung der Mobilität sowie wachsende grenzüberschreitende und europaweite Verflechtungen werden dazu beitragen, die wirtschaftliche Entwicklung des Dreiländerecks zu fördern.

Warum ist es entscheidend, dieses Projekt transnational zu bearbeiten?

Die neun Projektpartner stammen aus fünf mitteleuropäischen Regionen. Jeder ist mit individuellen, aber doch ähnlichen Herausforderungen konfrontiert. Jede Region hat andere Themen bereits aufgegriffen und Lösungen entwickelt sowie Erfahrungen gesammelt. Der Austausch bietet die Möglichkeit voneinander zu lernen. Funktionierende und etablierte Verkehrsangebote sollen untersucht und an die lokalen Anforderungen angepasst werden. Unsere Kollegen aus Kärnten verfügen beispielsweise über langjährige Erfahrungen mit der Einführung und dem Betrieb grenzüberschreitender Bahnverbindungen; die Projektpartner im sächsischen Dreiländereck haben Kompetenzen in Hinblick auf die Entwicklung von länderübergreifenden Tarifen.

Welche Verknüpfungen bestehen zu anderen grenzüberschreitenden Verkehrsprojekten und wie kann TRANS-BORDERS davon profitieren?

TRANS-BORDERS kann auf eine Vielzahl von Vorgängerprojekten mit unterschiedlichsten thematischen Schwerpunkten zurückgreifen. Aus dem Projekt SNIEZKA, das im Rahmen der grenzübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Sachsen und Polen 2007 - 2013 von der EU gefördert wurde, resultierte beispielsweise die Wiederbelebung der Eisenbahnstrecke von Dresden nach Wrocław. Die Partner des Interreg IVB-Projektes INTER-Regio-Rail haben rechtliche Rahmenbedingungen bei länderübergreifenden Ausschreibungen im Schienenpersonennahverkehr untersucht. Im Rahmen des EU-Projektes Neisse:GO der Landkreise Bautzen, Görlitz und Liberec wurde mit den Partnern in Tschechien eine umfassende und mehrsprachige Informationsplattform aufgebaut. Diese verknüpft Geobasisdaten, Sachinformationen und Fahrplandaten in Echtzeit und steht überall mehrsprachig zur Verfügung. Das 2004 im Dreiländereck eingeführte Euro-Neiße-Ticket kann bei Fragestellungen grenzüberschreitender Tarife herangezogen werden. Viele Ergebnisse fließen auch in die aktuelle Projektphase mit ein.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Sachsens und des Verkehrs der Region Oberlausitz-Niederschlesien?

Dass das Projekt dazu beitragen kann, grenzüberschreitende Verbindungen im Dreiländereck zu etablieren, die den Bewohnern unserer Regionen qualitativ und quantitativ nutzen. Mit dem Ansehen als europäisches Projekt ergibt sich darüber hinaus die Chance, den Akteuren anderer Regionen Mitteleuropas näherzukommen und eine langfristige Partnerschaft aufzubauen.

Weitere Informationen

Marcel Richter ist Mitarbeiter des Dresdner Ingenieurbüros ISUP GmbH und als externer Projektmitarbeiter der VON GmbH in Bautzen eingesetzt. Im Projekt übernimmt er das Kommunikationsmanagement sowie Koordinationsaufgaben.