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Europäische Kooperation - ein Muss für Kommunen und Regionen jeder Größe?!

Sina Redlich zum BBSR-Projekt "Erfolgreich vernetzt in Europa"

Logo "Erfolgreich vernetzt" (© BBSR, Studio Grafico, Marina Piselli)

Europäische Vernetzung ist für Kommunen und Regionen aller Größenklassen vorteilhaft für die eigene Stadt- bzw. Regionalentwicklung - so die These eines laufenden Forschungsprojekts, das das Europareferat im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) wissenschaftlich betreut. Allerdings ist es in der Praxis häufig schwer, diesen Mehrwert exakt zu beziffern und im Voraus zu kalkulieren. Immer wieder führen Beteiligte an, dass der Austausch von Wissen und Erfahrungen sowie der kritische Blick von außen eine wichtige Rolle spiele. Der Transfer vermittelt eine neue Perspektive und hilft, die eigene Praxis zu überprüfen und weiter zu verbessern. Auch die Sichtbarkeit der Arbeit innerhalb des eigenen Hauses oder der lokalen Strukturen sowie die Stärkung des europäischen Profils der Gemeinde sind wichtige Faktoren. Aber lohnt sich der Aufwand? In der Regel ist die Vernetzungsaktivität eine zusätzliche und freiwillige Aufgabe für die Kommunen. Dies erfordert zusätzliches Wissen und personelle Ressourcen, die insbesondere bei kleineren Kommunen oft fehlen.

Wettbewerb "Erfolgreich vernetzt in Europa"

Zentraler Bestandteil des Projektes des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und des BBSR ist der Wettbewerb "Erfolgreich vernetzt in Europa - gemeinsam Städte und Regionen gestalten". Er möchte genau die Kommunen und Regionen ehren, die diesen Mehraufwand auf sich nehmen. Der Bund wird im November 2018 Kommunen und Regionen in vier Größenkategorien auszeichnen. Die Frist ist gerade abgelaufen und eins lässt sich schon positiv feststellen: Es gibt eine große Bandbreite; so rangieren die Einwohnerzahlen der Bewerber zwischen 10.000 und 2,3 Millionen. Die Wettbewerbsbeiträge werden nun einer genauen Prüfung unterzogen. Die Jury ist setzt sich aus Vertretern aus Forschung, kommunalen Spitzenverbänden und aus dem Interreg-Bereich zusammen und bringt vielfältige, aber einschlägige Kompetenzen mit.

Neben dem Wettbewerb befasst sich das Projekt auch mit weiteren Fragestellungen rund um die europäische Vernetzung, wie etwa: Welche Städte, Gemeinden und Regionen in Deutschland sind besonders stark europäisch vernetzt? Welche Programme und Netzwerke nutzen sie? Welche Rolle spielen Einwohnerdichte und Wohlstand für den Vernetzungsgrad?

Große Varianz an Vernetzungsmöglichkeiten

Es gibt in Europa zahlreiche Möglichkeiten für Städte, Gemeinden und Regionen, sich zu raumordnungsrelevanten Fragestellungen zu vernetzen. Die traditionelle Form sind die meist bilateralen Städtepartnerschaften. Daneben gibt es eine Vielzahl an europäischen Programmen, Initiativen und Netzwerken für die multilaterale Vernetzung. Unter den sechs europäischen Programmen der projektbezogenen Zusammenarbeit, die für deutsche Städte, Gemeinden und Regionen zu Raumordnungsfragen grundsätzlich relevant sind, ist das Interreg B-Programm das bedeutsamste. Zusätzlich wurden 25 relevante Netzwerke und Initiativen der längerfristig oder dauerhaft angelegten Zusammenarbeit identifiziert. Hier hat das Klima-Bündnis mit Abstand die größte Bedeutung.

Große Städte Spitzenreiter

535 der gut 11.000 deutschen Städte und Gemeinden und 84 Regionen (darunter Landkreise, Regierungsbezirke und Metropolregionen) nutzten zwischen 2007 und 2017 die untersuchten Programme, Initiativen und Netzwerke. Insgesamt sind die deutschen Städte, Gemeinden und Regionen 317-mal in europäischen Projekten und 670-mal in Netzwerken und Initiativen vertreten. Die großen Städte Hamburg, Berlin, Bremen, Stuttgart, München und Leipzig sind Spitzenreiter mit 15-29 verschiedenen Beteiligungen. Hinzu kommt die bilaterale Vernetzung über Städtepartnerschaften und grenzübergreifende Programme.

Große regionale Unterschiede

Regional sind die Vernetzungsaktivitäten der deutschen Kommunen und Regionen sehr unterschiedlich verteilt. Räume hoher Aktivität sind erwartungsgemäß die Metropolen und Metropolregionen. Geringe bis sehr geringe europäische Aktivitäten von Städten und Gemeinden sind insbesondere in Nordost-Deutschland und Teilen Mitteldeutschlands, Norddeutschlands und Bayerns zu verzeichnen. Grenzräume konzentrieren sich auf die bilaterale grenzüberschreitende Zusammenarbeit und setzen weniger bis gar nicht auf Formen einer breiteren europäischen Vernetzung. Ausnahmen sind Grenzregionen in Nordrhein-Westfalen, der Oberrhein und der Alpenrand.

Starke Vernetzung hängt nicht von Einwohnerdichte oder Bruttoinlandsprodukt ab

Die Gegenüberstellung der Anzahl vernetzter Gebietskörperschaften mit der Einwohnerzahl pro Bundesland überrascht: Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein können mit bevölkerungsreichen Ländern wie Bayern oder Baden-Württemberg hinsichtlich ihres relativen Vernetzungsgrades mithalten. Dagegen ist Nordrhein-Westfalen nur im Mittelfeld zu finden. Vergleicht man dieses Ergebnis noch mit dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (BIP) als Indiz für die ökonomische Lage der Städte, Gemeinden und Regionen, zeigt sich, dass auch Länder mit relativ geringerem pro-Kopf-BIP, wie Mecklenburg-Vorpommern, hohe Vernetzungsaktivitäten pro Einwohner aufweisen können. Ökonomisch gleich oder besser gestellte Bundesländer, wie das Saarland, Sachsen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt weisen dagegen wesentlich geringere Aktivitäten pro Einwohner auf. Somit ist die ökonomische Situation nicht notwendigerweise ein begrenzender Faktor für die Vernetzungsintensität, sondern kann offenbar durch andere Faktoren kompensiert oder gar als Chance begriffen werden.

Aufbauend auf diesen ersten Ergebnissen werden im weiteren Projektverlauf Wirkungen, Hemmnisse und Erfolgsfaktoren der europäischen Vernetzung in Fallstudien erforscht. Ziel ist es, die Ergebnisse für weitere Kommunen und Regionen nutzbar zu machen, die an einer (verstärkten) europäischen Vernetzung interessiert sind.

Bei Interesse kontaktieren Sie mich gerne!

Tel.: +49 228 99401-2336
sina.redlich@bbr.bund.de

Weitere Informationen: Erfolgreich vernetzt - Website BBSR

Sina Redlich ist Mitarbeiterin im Referat Europäische Raum- und Stadtentwicklung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Europäische Raumentwicklungspolitik und transnationale Zusammenarbeit im Rahmen von Interreg B. Sie betreut auf Seiten des BBSR das Nordwesteuropa-Programm, INTERACT, das Bundesprogramm Transnationale Zusammenarbeit sowie Forschungsprojekte im Themenbereich.