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VirtualArch: Verborgenes Kulturerbe Europas ins Blickfeld rücken

Interview mit Dr. Christiane Hemker vom Landesamt für Archäologie in Sachsen

Silberbergwerk Dippoldiswalde (© Landesamt für Archäologie Sachsen-Martin Jehnichen)

Das im Boden verborgene archäologische Kulturerbe ist bislang für die breite Öffentlichkeit kaum erlebbar. Zwar findet man in Museen archäologische Objekte wie Gefäße oder Schmuckstücke, die von vergangenen Kulturen zeugen - das Denkmal selbst wird aber erst bei archäologischen Ausgrabungen, etwa vor Bauvorhaben, Schicht für Schicht freigelegt und dokumentiert. So tritt es oft nur kurz in Erscheinung, bevor es vollständig abgetragen wird. Das Mitteleuropa-Projekt "VirtualArch" möchte dieses Erbe virtuell bewahren. Mit Hilfe neuester Informations- und Kommunikationstechniken, wie etwa 3D-Technik, soll das archäologische Vermächtnis für Denkmalschutz und Tourismus sichtbar und vor allem auch nutzbar gemacht werden. Die Projektleiterin Dr. Christiane Hemker vom Landesamt für Archäologie erläutert im Interview warum es wichtig ist, die nicht sichtbaren Bodendenkmale zu bewahren.

Worum geht es in Ihrem Projekt?

In unserem Projekt werden neueste Entwicklungen der Informations- und Kommunikations-technologien, für die Vermittlung der archäologischen Denkmalpflege genutzt. Dazu gehören beispielsweise Anwendungen von der virtuellen Realität bis hin zur Augmented Reality. Bei der letztgenannten Technologie handelt es sich um eine computergestützte Erweiterung der menschlichen Realitätswahrnehmung, die - etwa mit Hilfe einer Kameralinse eines Mobiltelefons - durch eingeblendete Bilder, Videos oder Textinformationen erzeugt wird. Ziel ist es, die zumeist nicht sichtbaren archäologischen Denkmäler durch dreidimensionale Visualisierungen vor Ort virtuell erlebbar zu machen. Damit wollen wir das Bewusstsein für den Wert archäologischer Denkmäler und Funde in der Öffentlichkeit schärfen.

Was ist Ihre persönliche Motivation für die Zusammenarbeit an diesem Thema?

Als Leiterin des Forschungsschwerpunktes Montanarchäologie beim Landesamt für Archäologie Sachsen empfinde ich es stets als sehr bedauerlich, dass die europaweit einmaligen Silberbergwerke des hohen und späten Mittelalters im Erzgebirge aus Sicherheitsgründen der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Hier können 3D-Dokumentationen und -animationen sowie virtuelle Bergwerkstouren gewissermaßen als virtueller Ersatz fungieren, um die authentische mittelalterliche Welt unter Tage erlebbar zu machen. Auch für den archäologischen Denkmalschutz bieten diese Techniken neue Möglichkeiten, um Raumplanern oder Bauherren die nicht sofort erkennbaren Bodendenkmale im Planungsbereich vor Augen zu führen. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass allein durch die räumliche Visualisierung der im Boden liegenden Kulturgüter, häufig eine denkmalverträglichere Umplanung erwirkt werden kann. Das ist mittels herkömmlicher Denkmalkartierungen deutlich schwieriger zu erreichen.

Was bringt das Projekt für Ihre Region?

Ein wichtiges Ziel von VirtualArch ist es, archäologische Informationen fernab von Städten, Dörfern oder auch Museen anzubieten: im freien Gelände, am Rand einer Wiese, eines Ackers oder sogar im Wald. Mittels W-LAN präsentieren wir digital aufbereitetes Anschauungsmaterial zum Denkmal. Damit wird das Denkmal an seinem Standort als touristisches Ziel entdeckt und allgemeines Interesse an der Archäologie gesteigert.

Warum ist es wichtig, dieses Projekt europäisch umzusetzen?

Für archäologische Denkmale in allen europäischen Ländern gilt der Wunsch, sie sichtbar zu machen. Mit VirtualArch können wir auf internationaler Ebene an der Visualisierung arbeiten und dafür Instrumente entwickeln, die nicht nur national einsetzbar sind. Besonders wichtig ist es für mich, dass dies auf ein möglichst breites Spektrum unterschiedlichster Denkmalgattungen angewendet werden kann. So haben wir für unsere Pilotprojekte ganz unterschiedliche Untersuchungsobjekte in den Partnerregionen ausgewählt, die entweder nicht sichtbar oder nur schwer zugänglich sind. Dazu zählen prähistorische Pfahlbausiedlungen, untergegangene Häfen aus der römischen und aus der Wikingerzeit, einen historischen Stadtkern sowie bronzezeitliche und mittelalterliche Bergwerke.

Vervollständigen Sie: Wenn das Projekt VirtualArch gelingt, werden in zehn Jahren….

…die Europäer beim Stichwort "Archäologie" nicht nur Pyramiden oder griechische und römische Tempel im Kopf haben. Vielmehr werden sie auch an das reiche, archäologische Kulturerbe denken, das sie mittels ihres Smartphones vor der eigenen Haustür erleben können.

Ihr bislang schönstes Erlebnis im Rahmen des Projektes?

Bereits während der Projektentwicklung hatte ich durch das tolle Engagement der Partner ein sehr gutes Gefühl. Dies hat mich darin bestätigt, dass das Thema in ganz Europa an Bedeutung gewinnt und wir mit VirtualArch auf dem richtigen Weg sind. Daher war es anlässlich des Kick Off-Meetings in Prag, bei dem ich einige der Partner erstmals persönlich kennenlernen konnte, besonders schön für mich zu sehen, dass alle Partner dasselbe Ziel verfolgen und wir damit wirklich etwas bewegen können.

Weitere Informationen: VirtualArch

Dr. Christiane Hemker, Leiterin des Forschungsschwerpunktes Montanarchäologie beim Landesamt für Archäologie Sachsen, Lead Partner im Projekt VirtualArch.