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„In puncto demografische Entwicklung sitzen wir alle im gleichen Boot“

Das Interreg-B-Projekt I-stay@home zieht Bilanz

Abschlussveranstaltung von I-stay@home in Brüssel (© FK/PH)

Knapp vier Jahre lang beschäftigte sich das Interreg-geförderte Projekt „I-stay@home“ mit IT-gestützten Lösungen für ältere und behinderte Menschen, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu Hause zu ermöglichen. Dafür arbeiteten verschiedene nordwest-europäische Organisationen und Unternehmen aus fünf Nationen zusammen und reagierten damit länderübergreifend auf die demographischen Entwicklungen in Europa. Entstanden ist unter anderem ein Produktkatalog mit technischen Hilfsgeräten wie Blutdruckmonitoren, Fernbedienungen mit Sprachsteuerung oder Uhren, die Notrufe absetzen können. Am 24. Juni 2015 fand die Abschlussveranstaltung von I-stay@home zum Thema „Unabhängigkeit durch Technologie“ in Brüssel statt. Julia Siebert von der Joseph-Stiftung, Lead-Partner des Projekts, fasst im Interview die Erkenntnisse und Ergebnisse von I-stay@home zusammen.

Sie haben sich zu Beginn des Projekts vorgenommen, eine Plattform zu entwickeln, die intelligente Geräte für ältere und behinderte Menschen vorstellt und leichter zugänglich macht. Wie sieht diese Plattform aus?

Unsere Plattform bündelt verschiedene technische Unterstützungen über einen Tablet-PC auf einer einheitlichen Oberfläche und soll die Bedienung der Geräte für ältere Menschen so vereinfachen. Neben der Bündelung der unterschiedlichen Produkte stellten wir unseren Teilnehmern während der Testphase auch einige soziale Funktionen wie ein virtuelles Schwarzes Brett für den Austausch mit anderen Testern, eine Video-Chatfunktion oder einen Schnellzugang zu Online-Radios zur Verfügung. Unsere Teilnehmer kamen dank ein bisschen Training, Neugier und gutem Willen mit allen Funktionen gut zurecht. Bei der Plattform hat uns überrascht, dass die Tester sich am meisten für die sozialen Aspekte wie das virtuelle Schwarze Brett interessiert haben. Die Bündelung der individuellen Unterstützungsprodukte ist mehr in den Hintergrund gerückt, da unsere Teilnehmer auch ohne vereinfachte Bedienoberfläche gut mit den Geräten umgehen konnten. Wer sich aus erster Hand über die Erfahrungen unserer Tester und Projektteilnehmer informieren möchte, kann sich unsere kleine Dokumentation auf Youtube ansehen.

Ein weiterer Vorsatz des Projekts war, den Dialog verschiedener europäischer Experten zum Thema Wohnunterstützung durch Technik anzuregen und zu fördern. Ist Ihnen das gelungen?

Ja, wer von den Beteiligten zu Beginn des Projekts noch kein Experte zu diesem Thema war, ist es spätestens jetzt. Durch den intensiven und regelmäßigen Austausch aller Beteiligten aus den verschiedenen Ländern, konnten wir aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen, bei dem jeder Partner einen unterschiedlichen Schwerpunkt hatte: Es gab Spezialisten für die soziale Komponente des Projekts, für die Technik und für die Verbreitung des Wissens. Ich denke, dass wir durch das Projekt einige sehr gute internationale Kontakte knüpfen konnten, die wir gerne über I-stay@home hinaus am Leben erhalten wollen, um auch in Zukunft wieder zusammenzuarbeiten. Denn letztendlich sitzen wir in puncto demografische Entwicklung doch alle im gleichen Boot.

Welche konkreten Erkenntnisse haben Sie durch diesen Expertenaustausch und die Durchführung von Studien und Testläufen gewonnen?

Wir haben im Rahmen des Projekts herausgefunden, dass ältere Menschen bereit sind, technische Unterstützung zu nutzen, und auch sehr gut damit umgehen können. Zwar sind unterstützende technische Geräte für ältere und behinderte Menschen schon auf dem Markt verfügbar, allerdings mangelt es noch an dem Bewusstsein dafür. Die meisten wissen schlichtweg nicht, dass diese Hilfsmittel existieren und sogar erschwinglich sind. Dieses Bewusstsein muss gestärkt werden, indem den Menschen die Möglichkeiten der technischen Unterstützung aufgezeigt werden, denn wir haben festgestellt, dass die intelligenten Geräte eine gute Ergänzung zu der üblichen Unterstützung durch Angehörige und professionelle Dienste darstellen. Durch das Projekt konnten wir auch viel neues Wissen zu technischen Hilfsmitteln für ältere Menschen ansammeln.







In welcher Form stellen Sie dieses erarbeitete Wissen der Öffentlichkeit zur Verfügung?

Wir haben einen umfangreichen Produktkatalog aufgesetzt und online gestellt. Er listet ganz verschiedene Produkte zur Unterstützung im eigenen Zuhause auf. Diese Produkte sind in neun Kategorien eingeteilt und auf Deutsch, Englisch, Französisch und Niederländisch verfügbar. Allerdings muss darauf geachtet werden, in welchem Land die Produkte letztendlich bezogen werden können, denn nur weil die Produktbeschreibung zum Beispiel auf Deutsch vorliegt, heißt das nicht zwangsläufig, dass das Produkt auch in Deutschland bezogen und problemlos eingebaut oder verwendet werden kann. Es geht bei diesem Katalog primär um die Bündelung von Wissen. Nach Abschluss des Projekts sind wir bestrebt, die verschiedenen Sprachversionen des Produktkatalogs weiterzuführen. Da sich das Projektkonsortium nach Ende des Projekts auflösen wird, müssen neue Hosts für die Kataloge in den einzelnen Sprachen gefunden werden. Der Einfachheit halber werden die Sprachversionen aufgeteilt, sodass sich zum Beispiel ein französischer Verein um einen rein französischen Produktkatalog kümmern wird.

Welche Institutionen oder Initiativen bleiben darüber hinaus auch nach Beendigung des Projekts I-stay@home bestehen?

Es bleibt auf jeden Fall ein größeres Netzwerk bestehen, das sich mit dem Thema technische Unterstützung für ältere Menschen auseinandersetzt – vor allem im Bereich der Wohnungswirtschaft. Quasi inspiriert durch I-stay@home hat sich außerdem im Rahmen der European Federation for Living“ (EFL) eine eigene Arbeitsgruppe zum Thema „Accessible Housing“ gebildet, bei der viele Projektpartner wieder oder weiter mitarbeiten. Die EFL ist dabei ein europäischer Verband von Wohnungsunternehmen, wohnungswirtschaftsnahen Unternehmen und Universitäten mit dem Ziel gemeinsam in der Wohnungswirtschaft innovativ und fortschrittlich zu bleiben. In Bezug auf unsere Testpersonen im Projekt sind viele bereit, weiterhin zu testen, sodass wir sie jederzeit wieder anfragen können, wenn wir uns bei neuen Produkten nicht sicher sind. Viele sagen, dass sie jederzeit auch wieder an einem ähnlichen Projekt teilnehmen würden. Außerdem hatten wir über alle Standorte hinweg nur eine ganz geringe Rücklaufquote für die Testgeräte. Die meisten unserer Tester möchten ihre Geräte behalten oder haben sogar noch einige dazu gekauft.

Welche nächsten Schritte müssen nun gegangen werden, um die Nutzung der technischen Hilfsmittel zu fördern und damit den demografischen Wandel in Europa positiver zu gestalten?

Wir haben einige Handlungsempfehlungen formuliert, die den verschiedenen Akteuren helfen sollen, die technischen Hilfsmittel attraktiver zu machen. Zunächst ist es natürlich wichtig, dass mehr Technologien für die Unterstützung älterer Menschen zu Hause entwickelt werden. Dabei kommt es vorrangig auf eine einfache Installation und Bedienung der Geräte an. Des Weiteren ist ein Unterstützungsnetzwerk immer von Vorteil. Denn: Ältere Menschen brauchen konkrete Ansprechpartner bei Fragen zur Anwendung oder bei Fehlermeldungen. Dabei helfen auch altersgerechte Gruppen und Gemeinschaften, die von Kommunen und Gemeinden geschaffen werden können, damit sich die betroffenen Menschen im Umgang mit der Technik gegenseitig unterstützen und dort austauschen können. Am Ende braucht es aber auch entsprechende Vorgaben und Regulierungen aus der Politik sowie bessere Fördermöglichkeiten, um diese Art von Unterstützung zu Hause voranzutreiben und zu verbreiten.

Julia Siebert ist Mitarbeiterin der Joseph-Stiftung, einem kirchlichen Wohnungsunternehmen aus Bamberg. Sie ist dort im EU-Projektmanagement und in der Forschung und Entwicklung im Bereich intelligentes Wohnen tätig.