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Die Nordsee verbindet die Neugierigen

600 Teilnehmer bei der Jahreskonferenz zum Nordseeprogramm in Assen

Logo des Nordseeraum-Programms (© North Sea Region)

Assen im Nordosten der Niederlande ist von Berlin aus nicht auf direktem Wege zu erreichen: vom Flughafen Amsterdam aus sind es zwei Stunden Zugfahrt durch die Polder. Ich betrachte Windkraftanlagen und erspähe vom Zugfenster aus die Segler auf dem Ijsselmeer. Besser kann man auf die Jahreskonferenz des Nordseeprogramms mit seinen Prioritäten „Thinking growth“, „Eco-innovation“, „Sustainable North Sea Region“ und „Green transport and mobility“ gar nicht eingestimmt werden.

Assen selbst ist eine freundliche kleine Stadt mit einem Kanal, viel Grün und einer hervorragenden Fahrradinfrastruktur. Die Konferenz findet im neugebauten Kulturzentrum „The Nieuwe Kolk“ statt, das mit seiner schlichten funktionalen Architektur überzeugt.

Die Konferenz beginnt mit einem fulminanten Auftakt. Matt Nicholls vom JTS moderiert die erste Plenumssitzung und steckt mit seiner Begeisterung das 600-köpfige Publikum sofort an.

Den Einführungsvortrag hält Michael Pye, ein englischer Historiker. Thema seines Vortrages ist das gerade von ihm veröffentlichte Buch „How the North Sea connects us“. Pye führt aus, dass die Nordsee historisch gesehen niemals ein trennendes, sondern vielmehr ein verbindendes Element war. Für den Fortgang der Geschichte, so seine These, waren viel weniger die Verwaltungszentren entscheidend, als die Menschen, die an den Küsten wohnten und die mit den Menschen an den anderen Nordseeküsten in Kontakt traten und Verbindungen aufbauten. Handel wurde um die Nordsee herum schon lange vor der Hanse getrieben. Wer sich mit diesen Interaktionen der Küstenvölker beschäftigt, muss natürlich über die Wikinger sprechen. Pye weist hier auf sehr interessante Aspekte hin. Das spannende an den Wikingern sei, dass nicht nur hervorragende Segelschiffe bauten, sondern auch bewusst aufbrachen, um dorthin zu fahren, wo noch niemand vor ihnen gewesen sei. Mit anderen Worten: Neugierde gepaart mit technischem Können habe schon früh enge Verbindungen in der Nordseeregion geschaffen.

Pye scheint einen Nerv bei den heutigen Bewohnern der Nordseeregion getroffen zu haben: Nach dem Plenum summt das Foyer von „The Nieuwe Kolk“ förmlich vor Gesprächen von über 600 Niederländern, Belgiern, Briten, Deutschen, Dänen, Norwegern und Schweden und ich komme zu meinem ersten Workshop, in dem ich kurz über die neue EU-Richtlinie zur maritimen Raumplanung referiere, ziemlich zu spät, weil ich auf dem Weg dorthin alle paar Meter auf ein bekanntes Gesicht stoße und wir uns sofort in angeregten Debatten über das gerade Gehörte befinden. Die Parallelen zu den Zielsetzungen des Nordseeprogramms sind deutlich greifbar: Letztlich bauen wir auf den jahrhundertealten Beziehungen auf, indem wir wieder von Küste zu Küste Verbindungen schaffen, Gemeinsamkeiten entdecken und – durchaus unabhängig von den jeweiligen Zentren – für die Region eigene Entwicklungsmöglichkeiten schaffen.

Am Abend dieses spannenden ersten Tages gibt es für alle Teilnehmer ein „Networking dinner“ in einer zum Restaurant umgebauten Kirche in Groningen – auch dies eine interessante Verbindung von Altem und Neuen. Am zweiten Tag kann ich gerade noch den ersten Teil einer Exkursion zum Afsluitdijk mitmachen – auch hier wird wieder eine eindrucksvolle Verbindung von Alt und Neu gezeigt. Der in den 30er Jahren gebaute Deich wird heute für den Anbau von Wasserturbinen und damit für die Erzeugung erneuerbarer Energie genutzt.

Und dann muss ich mich schon wieder auf den Weg in Richtung Flughafen Amsterdam machen und freue mich während der zweistündigen Fahrt durch die Polder an einer so gelungenen und anregenden Konferenz teilgenommen zu haben, die vor allem eines gezeigt hat: Interreg – das sind Menschen, die ihre Regionen voranbringen, weil sie gute Ideen haben, weil sie neugierig auf die Ideen der anderen sind und weil sie dorthin fahren wollen, wo noch niemand vor ihnen war!

Wer sich weiter informieren will, der findet Fotos, Präsentationen und Berichte zur Konferenz online unter: https://northsearegion.eu/key-documents/event-related-documents/north-sea-conferences/north-sea-conference-2015/

Dr. Katharina Erdmenger ist im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) Leiterin des Referates H III 3, Europäische Raumetwicklungspolitik/territorialer Zusammenhalt. Aufgaben des Referates sind die inhaltliche Ausgestaltung und Koordinierung aller Interreg B-Programme, an denen Deutschland beteiligt ist, das Programm ESPON, multilaterale- und bilaterale Zusammenarbeit zur Umsetzung der Territorialen Agenda und zur Raumentwicklungspolitik sowie die europäische Zusammenarbeit zur maritimen Raumplanung.