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ESPON-Atlas als Entscheidungsgrundlage für die EU-Politik

Was die Daten über die territoriale Entwicklung der Regionen Europas verraten

Ausschnitt aus dem ESPON-Atlas 2014 (© ESPON-Programme)

Das Europäische Raumbeobachtungsnetzwerk ESPON (European Spatial Planning Observation Network) wurde 2002 von den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Kommission gegründet, um die Wissens- und Informationsgrundlagen der Europäischen Raumentwicklungspolitik zu verbessern. An dem 2013-Programm nahmen zu Beginn neben den damals 27 (jetzt: 28) EU-Mitgliedstaaten die Nachbarstaaten Norwegen, Schweiz, Liechtenstein sowie Island teil. In der Übergangsphase zum gerade genehmigten ESPON Programm 2020 ist zum Jahresende 2014 der ESPON Atlas erschienen. Mit rund 180 Karten und Infografiken sowie kurzen Erläuterungstexten vermittelt er ein synoptisches Bild der Lebensbedingungen in den Regionen Europas, wie sich diese entwickeln, welche Stärken sie haben, welche Gemeinsamkeiten sie besitzen und wo sich die Unterschiede zu vergrößern drohen. Volker Schmidt-Seiwert, Projektverantwortlicher im BBSR für den jüngst erschienenen ESPON-Atlas 2014, äußert sich im Interview zur Bedeutung dieses Mammutprojekts.

Herr Schmidt-Seiwert, das Europäische Raumbeobachtungsnetzwerk ESPON wurde 2002 gegründet, um die objektiven Entscheidungsgrundlagen der Europäischen Raumentwicklungspolitik zu verbessern. Wieso ist solch ein Netzwerk wichtig?

Das ESPON Programm berücksichtigt sowohl längerfristige Entwicklungstendenzen in der politischen Diskussion in Europa als auch aktuelle räumliche Herausforderungen. Damit unterstützt es die europäische Politikgestaltung im Bereich der territorialen Entwicklung und des territorialen Zusammenhalts entscheidend. Seit dem Start vor gut dreizehn Jahren haben sich die Grundlinien nur wenig verändert: Fortschreitende Integration und die wachsende Bedeutung der Regionen und Städte und deren Rolle in der Raumentwicklung sind Aspekte, die von Anbeginn berücksichtigt wurden. Andere Einflussfaktoren dagegen haben sich verändert. So hat der Aspekt der EU-Erweiterung im Vergleich zur Anfangsphase des Programmes eher an Bedeutung verloren. Andere Herausforderungen, die wir schon bewältigt glaubten, haben unter veränderten Rahmenbedingungen wiederum an Aktualität gewonnen. Nach einer zwischenzeitlichen Phase regionaler Konvergenz tauchten so im Rahmen der Wirtschafts- und Finanzkrise überkommen geglaubte Arbeitsmarkprobleme der Vergangenheit wieder auf. Die Überwindung der Disparitäten, die Territoriale Agenda 2020 und die regionalen Aspekte der Europa 2020-Strategie stehen im Vordergrund der Analysen. ESPON leistet so einen wichtigen Beitrag zur Betrachtung der Wirkungszusammenhänge von EU-Politiken.

Was genau steckt eigentlich hinter dem Begriff „Raum“? Welche Aspekte werden bei der Erfassung der europäischen Veränderung berücksichtigt und wie ist es überhaupt möglich, Veränderung abschließend darzustellen?

Der „Raum“ umfasst eine mehr oder minder große Gebietseinheit. Je nach Maßstab sind das etwa eine Region, ein Land oder eine Gruppe homogener respektive durch gemeinsame Strukturelemente verbundener Gebietseinheiten. Er lässt sich über administrative Gebietseinheiten fassen, aber auch über prägende Charakteristika, die nicht an administrative Grenzen gebunden sind. Übersetzt in den Kontext der Raumbeobachtung wird „Raum“ entweder durch regionalstatistische Gebietseinheiten abgebildet oder durch themenbezogene Geodaten. Die ESPON Projekte bedienten sich in ihren Analysen beider Vorgehensweisen, wobei ich hervorheben möchte, dass die regionalstatistischen Betrachtungen ein deutlich stärkeres Gewicht haben. Die Messung von Veränderungen in der Raumentwicklung ist in der Tat eine spannende Frage, ist Veränderung per se ja nicht endlich. Um die Entwicklung europäischer Regionen zu messen, bedarf es eines Ausgangspunktes, einer Zäsur oder eines zu erstrebenden Zielwertes. Die Messung der wirtschaftlichen Erholung nach der Krise oder die notwendige Entwicklung hin zu einem Zielwert der EU 2020-Strategie wären hier als Beispiele anzuführen.

Welche Ergebnisse liefert der neue ESPON-Atlas und für wen sind diese interessant?

Der ESPON Atlas 2014 fasst ausgewählte Ergebnisse der rund 70 Projekte des ESPON 2013 Programmes zusammen. Er bildet ein breites Spektrum räumlich relevanter Themen in Europa ab: Demographischer Wandel, Erreichbarkeiten von Städten, Landnutzungsveränderungen und Klimawandel werden behandelt, aber auch transnationale Zusammenarbeit und regionale Auswirkungen der EU-Politiken finden ihren Platz. Der Reiz des Atlasses liegt in der Verbindung von oftmals bisher nur getrennt einsehbaren Informationen und deren Kombination etwa in nur einer Karte. Ergebnisse der Projekte werden teilweise auch erstmalig in Form von Infografiken präsentiert. Der Atlas richtet sich zuerst einmal natürlich an die mit Fragen der Raumentwicklung in Europa befassten Personen in den Mitgliedsstaaten und in europäischen Einrichtungen. Zugleich bildet er aber auch, und das öffnet ihn einem größeren Personenkreis, einen informativen Einstieg in räumliche Strukturen und die Fragen der Raumentwicklungspolitik in Europa. Grundsätzlich bietet der Atlas jedem, der sich etwas Zeit nimmt, die Gelegenheit, sich mit Abbildungen und Karten ein Bild über Europa zu machen.

Basierend auf diesen Erkenntnissen – was hat Sie hier am meisten überrascht beziehungsweise beeindruckt?

Da die für den Atlas getroffene Auswahl schon sehr spannende Ergebnisse der ESPON Projekte in einer äußerst konzentrierter Form präsentiert, ist eine weitere Betonung fast schon schwierig. Die oben erwähnte Bedeutung der Städte und Regionen in Europa wird sehr deutlich, sowohl was deren Anteil an der Bevölkerung, aber auch deren Beitrag zur Wirtschaftsleistung betrifft. Die Entwicklung der Bevölkerung zeigt aber auch, und das ist interessant, dass die eher ländlichen Regionen nicht zwangsläufig in allen Ländern die Verlierer sind. Mit Blick zurück auf die Wirtschafts- und Finanzkrise zeigt sich, dass nicht nur der Süden des Kontinents früherer Wirtschaftskraft hinterher hinkt, sondern auch etliche Regionen Westeuropas und des Nordens hier Probleme haben. Die Krise hat in einigen Ländern aber wohl auch zu einer Veränderung des Arbeitsmarktes geführt. So wird eine Entkopplung von Wirtschafts- und Arbeitsplatzentwicklung deutlich – insbesondere im industriellen Bereich.

Stichwort Synergien: Welche Verbindung sehen Sie zwischen ESPON und Interreg?

Die Zusammenarbeit und die Schaffung von Synergien zwischen ESPON und anderen europäischen Kooperationsprogrammen – wie zum Beispiel Interreg – ist von besonderer Bedeutung. ESPON bietet den Interreg-Programmen im transnationalen Kontext wichtige Informationen, beispielsweise durch die ESPON Datenblätter aller grenzüberschreitenden und transnationalen Programme. Der Atlas widmet sich diesem Thema in einem gesonderten Kapitel. ESPON kann etwa anhand der räumlichen Muster regionaler Analysen mögliche thematische Ausrichtungen aufzeigen, umgekehrt können Interreg-Projekte für ESPON modelhaft auf weitere Vertiefungsmöglichkeiten der Analysen hinweisen. Die Schaffung von Synergien zwischen den transnationalen Programmen und gemeinsame Aktivitäten, etwa in Form von thematischen Workshops, sind von besonderer Bedeutung, um sich auf Basis der jeweiligen Erfahrungen über die räumliche Perspektive der europäischen Kooperationen auszutauschen.

Sie arbeiten bereits seit rund zwölf Jahren für und an ESPON. Welche Herausforderungen und/oder Potenziale sehen Sie zukünftig für die dargestellten Regionen, für Europa, für den Einzelnen?

Im Moment herrscht der Eindruck vor, dass sich die Disparitäten zwischen und in den Regionen Europas wieder vergrößern. Die Krise hat hierzu sicher einen Beitrag geleistet. Doch in manchen Fällen wurden vielleicht nur strukturelle Probleme offengelegt und in ihrer Entwicklung beschleunigt. Die Suche nach einer besseren Lebensqualität – oder Lebensmöglichkeit überhaupt – lässt viele Menschen aus benachteiligten Regionen entweder in die Städte des jeweiligen Landes oder gleich in ein anderes Land gehen. Die einen Regionen werden mit dem Wegzug der Menschen ihrer potenziellen Entwicklungsperspektive beraubt, andere Regionen müssen mit den steigenden Ansprüchen an ihren Raum umgehen. Die Herausforderungen liegen darin, Wachstum und Schrumpfung so zu gestalten, dass wirtschaftliche Entwicklungen die gesellschaftlichen Veränderungen nicht überspannen.

Und ganz persönlich: Was hoffen Sie, zu welchen Verbesserungen kann ESPON beitragen?

Das ESPON Programm bietet in seinem transnationalen Charakter die Möglichkeit, den europäischen Gedanken in den Fragen der Raumentwicklung am Leben zu halten. Ein Rückbesinnen auf nationale Befindlichkeiten und räumliche Betrachtungen etwa nur auf einen Nationalstaat bezogen, das gegenseitige Verrechnen von Wohlstand und Armut oder von wirtschaftlichem Erfolg und regionaler Bedürftigkeit negiert die Tatsache, dass sich Entwicklungen in Europa, insbesondere im globalen Kontext, nicht mehr nur national erklären und steuern lassen. ESPON kann einen Beitrag leisten, die Wirkungszusammenhänge in Europa zu analysieren, offenzulegen und zu kommunizieren.

Der ESPON Atlas 2014 ist unter https://www.espon.eu/topics-policy/publications/atlas/espon-atlas-2013 als PDF zum Download verfügbar; er kann zudem als interaktives Dokument eingesehen werden.

Volker Schmidt-Seiwert ist Projektleiter im Referat Europäische Raum- und Stadtentwicklung des BBSR und insbesondere zuständig für die europäische Raumbeobachtung des BBSR. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in regionalstatistischen und GIS-gestützten Analysen der räumlichen Strukturen und Entwicklungen in Europa.