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"Typisch Interreg" – gibt es das? Erfahrungen aus Baden-Württemberg

Eines der aktivsten Länder der transnationalen Kooperation berichtet über seine Erfahrungen

Baden-Württemberger gelten landläufig nun nicht eben als extrovertiert und allem Neuen mit großer Offenheit und Enthusiasmus gegenübertretend. Und auch in der liebevollen Bezeichnung "Ländle" kommt nicht gerade kosmopolitische Weltoffenheit zum Ausdruck. Doch im Bereich der transnationalen Kooperation zeigt Baden-Württemberg großes Engagement und mit fast 92 Projekten und 112 Partnern unterstrich das Land in der vergangenen Förderperiode seinen Spitzenplatz im Bereich der transnationalen und interregionalen Kooperation. Aber was ist für ein Land wie Baden-Württemberg das Spannende an Interreg und woher rührt das große Interesse? Und was daran ist "typisch Interreg"?

Interessant ist für Baden-Württemberg der Erfahrungsaustausch, der bei Interreg nicht nur international, sondern vor allem auch Ebenen übergreifend erfolgt. Hieraus ergeben sich hervorragende Kooperationsmöglichkeiten, die auch längerfristig tragen, und in die Gesellschaft und den Privatsektor hineinwirken können. Das kommt der großen Neugier und Experimentierfreude der Menschen entgegen. Und mit der Teilnahme an vier Kooperationsräumen (Alpenraum, Nordwesteuropa, Central Europe und Donau) können die Partner in Baden-Württemberg die zu ihren Ideen passenden Räume wählen.

Dabei sind die Räume ganz unterschiedlich. Beim Alpenraum und den Nordwesteuropaprogramm zum Beispiel haben wir es mit zwei wirtschaftsstarken Räumen zu tun, die im Bereich der wirtschaftsnahen Forschungsförderung und den Rahmenbedingungen für den Mittelstand sehr weit entwickelt sind. Kooperationsvorhaben der letzten Förderperiode konnten sich daher bereits in hoch-spezialisierten Themenfeldern wie Lasertechnologie, Life Science oder Open Innovation abspielen. Im Mitteleuropaprogramm hingegen ging es bislang zunächst um die Schaffung der regionaler Rahmenbedingungen für Innovationen, die Etablierung von Weiterbildungsmaßnahmen in diesem Bereich und darum, den KMU Zugang zu den Forschungsergebnissen zu ermöglichen. Diese Schwerpunktsetzung ist auch für den bis jetzt noch wirtschaftlich weniger entwickelten Donauraum zu erwarten. Genau diese Unterschiede, die beispielsweise auch im Umweltbereich gelten, zeigen, wie wichtig es ist, den Herausforderungen mit raumorientierten Ansätzen zu begegnen, die eben nicht die komplette EU umfassen. Auch der verbesserte Zugang zur Daseinsvorsorge und die Beteiligung älterer Menschen am Arbeitsmarkt waren und sind weiterhin wichtige Themen, die uns in den kommenden Jahren beschäftigen werden – und die raumbezogener Lösungen bedürfen, weil die Voraussetzungen unterschiedlich sind.

Die Herausforderungen in Mittel- und Südosteuropa sind – ganz allgemein gesprochen – natürlich nochmal ganz andere. Insbesondere im sudosteuropäischen Raum ist spürbar, dass viel Hoffnung in die Kooperationsmöglichkeiten mit Partnern aus Baden-Württemberg gesetzt wird. So hat beispielsweise ein von unserer kroatischen Praktikantin formulierter Fragebogen an ausgewählte kroatische Akteure dazu geführt, dass wir über 70 Anfragen mit konkreten Kooperationsideen erhalten haben. Das zeigt, wie sehr man die Kooperationsmöglichkeiten mit Partnern aus Baden-Württemberg sucht, und wie groß andererseits auch die Verantwortung ist, die wir hier tragen.

Aber auch hier ist es keineswegs so, dass Know-how nur in eine Richtung fließt. Auch baden-württembergische Partner lernen daraus und können diese Erfahrungen und Kontakte in der Zukunft nutzen. Nur wer die Bedarfe, aber auch Fähigkeiten anderer kennt, kann auch in der Zukunft Produkte und Dienstleistungen anbieten, die dort benötigt werden. Damit schafft Interreg Win-win-Konstellationen, die nicht nur helfen, räumliche Disparitäten abzubauen, sondern auch die Menschen einander näher zu bringen. Vielleicht ist das am Ende sogar der wichtigste Teil.

Dr. Susanne Ast ist die für Interreg B zuständige Referentin im Referat Europäische Wirtschaftspolitik des Ministeriums für Finanzen und Wirtschaft in Baden-Württemberg und Mitglied in den Begleitausschüssen der Programme Mitteleuropa und Donau.