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Interreg und Soziale Innovation – (wie) passt das zusammen?

Hauke Siemen berichtet von der Online-Abschlusskonferenz des Andockprojekts SEMPRE (#socialinterreg)

Online-Konferenz „Social innovation and Interreg – an odd couple or a perfect match?” (© Hauke Siemen, REM Consult)

Für soziale Themen ist der Europäische Sozialfonds zuständig! Und Innovation ist ein Thema für High-Tech-Branchen und IT-Start-ups! So scheinen manche gedacht haben, als die transnationalen Kooperationsprogramme der Förderperiode 2014–2020 ausgestaltet wurden. Dass das aber viel zu kurz greift, hat das aus dem Bundesprogramm Transnationale Zusammenarbeit geförderte Andockprojekt SEMPRE (Vernetzungsinitiative #socialinterreg) aufgezeigt. In einer Online-Konferenz am 10. Dezember 2020 trafen sich nun rund 70 Projekt- und Programmakteure aus sieben Programräumen, um zu diskutieren, wie das Zusammenspiel von sozialer Innovation und Interreg in der auslaufenden Förderperiode funktionierte und wie die Aussichten für die neuen Interreg-Programme ab 2021–2027 sind. Projektmanager Hauke Siemen von REM Consult berichtet von der Konferenz und den wichtigsten Ergebnissen des Andockprojekts.

In sehr unterschiedlichem Maße und mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten haben die Interreg B-Programme mit deutscher Beteiligung in den Jahren 2014–2020 Projekte im Themenfeld soziale Innovation gefördert. Während sich das Nordseeraumprogramm weitgehend auf die Förderung von Innovation im öffentlichen Sektor beschränkte und das Ostseeraumprogramm ein recht unspezifisches Förderziel „nicht-technologische Innovation“ beinhaltete, unterstützten sowohl das Mitteleuropa- als auch das Donauraumprogramm ganz gezielt und ausdrücklich den Aufbau von Kompetenzen und die Erprobung von Finanzierungsmöglichkeiten für soziale Innovation.

Interreg-Projekte unterstützen soziale Innovation

Trotz (oder gerade wegen) dieser unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Definitionen von sozialer Innovation entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine eindrucksvolle Vielfalt von Projekten zu diesem Thema. So wurden mit Interreg-Unterstützung unter anderem

  • neue Finanzierungsmechanismen für soziales Unternehmertum erprobt,
  • Gründerinnen und Gründer im Bereich "Social Entrepreneurship" geschult und von erfolgreichen Unternehmern gecoacht,
  • benachteiligte Gruppen wie Migranten, Alleinerziehende oder junge Menschen ohne Perspektive in die Entwicklung neuer sozialer Dienstleistungen oder kommunale Entscheidungsprozesse eingebunden,
  • Strategien für die Aufrechterhaltung von sozialen und öffentlichen Dienstleistungsangeboten und die Etablierung einer Willkommenskultur im ländlichen Raum entwickelt oder
  • Empfehlungen für smartere, digitalere und zielgerichtetere Angebote des öffentlichen Sektors erarbeitet und umgesetzt.

Initiative #socialinterreg

Die Errungenschaften dieser Projekte sichtbar zu machen und gleichzeitig zu hinterfragen, welche Rolle das Thema soziale Innovation in den transnationalen Kooperationsprogrammen der kommenden Förderperiode 2021–2027 spielen wird, ist das Ziel der Initiative #socialinterreg, die aus den Interreg-Projekten SEMPRE und SEMPRE Accelerators hervorgegangen ist und von dessen Lead Partner, dem Diakonischen Werk Schleswig-Holstein gemeinsam mit REM Consult koordiniert wird. Ein zentrales Ergebnis dieser Arbeit ist die Website https://socialinterreg.eu/, auf der zahlreiche laufende und bereits abgeschlossene Projekte sich und ihre Erfolge präsentieren. In einem "Social innovation spotlight" stellt sich zudem jeden Monat eines der Projekte mit einem kurzen Video vor.

Online-Konferenz: Diskussion zum Mehrwert von sozialen Innovationsprojekten

Die Online-Konferenz am 10. Dezember stellte den vorläufigen Schlusspunkt der Initiative dar. Eröffnet wurde die Tagung von Jens Kurnol vom BBSR (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung), der selbst in die Programmierung für die neue Förderperiode eingebunden ist. In seinem Vortrag betonte Jens Kurnol, dass territoriale und soziale Kohäsion einander bedingen und dass soziale Innovation einen wichtigen Beitrag dazu leiste, dass auch ländliche Gebiete lebenswert bleiben. Dies werde auch durch die jüngst verabschiedete erneuerte Territoriale Agenda 2030 bestätigt.

Wie soziale Innovation in der Wissenschaft und Praxis überhaupt definiert werden kann, und welche Rolle die Zusammenarbeit verschiedener Akteure bei der Entwicklung eines Ökosystems für soziale Innovation bedeutet, wurde von Prof. Dr. Jürgen Howaldt, Direktor der Sozialforschungsstelle in Dortmund, in einem Impulsvortrag beleuchtet. Er forderte, soziale Innovation in der Innovationspolitik sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene stärker zu berücksichtigen und Innovation nicht nur unter dem Blickwinkel des Wachstums, sondern auch der Bewältigung sozialer Herausforderungen zu sehen. Den Projektakteuren im Interreg-Bereich empfahl er, über den Tellerrand zu schauen und soziale Innovation nicht nur auf den sozialen Sektor zu beziehen. Vielmehr könne sie vielfältige und wesentliche Beiträge zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele der UN leisten.

Anschließend hatten vier Interreg-Projekte Gelegenheit, sich vorzustellen. Es wurde deutlich, dass ein programmraumübergreifender Austausch zu Methoden und Ergebnissen der Projekte manche Synergieeffekte ermöglicht hätten. Auch für die kommende Förderperiode wurde solche ein Austausch angeregt. Die Initiatoren von #socialinterreg sicherten zu, die begonnene Netzwerkarbeit auch im Jahr 2021 fortzusetzen.

Soziale Innovation in der neuen Förderperiode

Auch die Interreg-Programmsekretariate kamen zu Wort, vertreten durch Jana Valkova vom Mitteleuropaprogramm sowie Stephen Halligan und Marius Niculae vom Interreg Donauraumprogramm. In ihren Wortbeiträgen sowie im Rahmen der darauffolgenden Fishbowl-Diskussion unterstrichen sie die Bedeutung der Projektergebnisse der laufenden Förderperiode, vor allem beim Ausgleich sozialer und geografischer Ungleichheiten. Wie auch Julia Eripret vom Interreg Nordwesteuropaprogramm zeigten sie sich angesichts des Endspurts bei der inhaltlichen Ausgestaltung der neuen Interreg B-Programme optimistisch, dass der Stellenwert der sozialen Innovation von den Programmverantwortlichen stärker anerkannt werde und deren Förderung in den neuen Programmen eher ausgebaut als eingeschränkt werde. Dafür würden die Programme Bezug auf die Politikziele 1 "A smarter Europe" und 4 "A more social Europe" nehmen. Auch werde soziale Innovation zunehmend nicht nur als Selbstzweck, sondern als Mittel zur Erreichung von Zielen z.B. im Bereich des Klimawandels oder der Kreislaufwirtschaft gesehen.

Am Nachmittag wurden im Rahmen von Workshops noch drei spezielle Aspekte, darunter die Rolle der sozialen Innovation in den makroregionalen Strategien am Beispiel des Ostseeraums, die Messbarkeit der Wirkung von sozialer Innovation sowie die sektorenübergreifende Kooperation beleuchtet.

Positionspapier

Gemeinsam mit den an der Netzwerkarbeit beteiligten Projekten haben die Initiatoren von #socialinterreg ein Positionspapier zur sozialen Innovation in der Interreg-Förderperiode 2021–2027 erarbeitet, das in Kürze auf der Website https://socialinterreg.eu/ veröffentlicht und an Programm- und Projektakteure versendet wird.

Weitere Informationen:
Vernetzungsinitiative #socialinterreg https://socialinterreg.eu/

Hauke Siemen von REM Consult ist geschäftsführender Partner von REM Consult und Projektmanager der Projekte SEMPRE und SEMPRE Accelerators sowie des zugehörigen Andockprojekts im Bundesprogramm Transnationale Zusammenarbeit.