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Interreg B und die Auswirkungen der Corona-Krise: Der Mehrwert der transnationalen Zusammenarbeit für widerstandfähigere Regionen

Johanna Specker berichtet über die Herausforderungen und Chancen für Interreg

EU und Corona (Quelle: peterscheiber.media/Fotolia)

Unvorhersehbare Entwicklungen bringen Risiken mit sich, die auch nachhaltig die Entwicklung und Kohäsionspolitik in der Europäischen Union beeinträchtigen könnten – wirtschaftlich, sozial und territorial. Wie groß dieses Risiko ist, zeigt die aktuelle Corona-Krise. Sie hat vielfältige Auswirkungen. Auch für die Interreg B-Programme.

Neben der akuten Krisenbewältigung werden auch Rufe lauter, die eine höhere Resilienz gegen ungeplante Entwicklungen fordern. Daher schnürt die EU milliardenschwere Finanzpakete. Sie sollen die Folgen der Pandemie abfedern und den Übergang zu einem Europa forcieren, das grüner, digitaler und widerstandsfähiger ist. Doch welche Rolle spielen dabei die Interreg B-Programme?

Deutsche Interreg B-Akteure sind sich einig: Die Interreg B-Programme können und sollen die Überwindung der Krise und den Übergang zu resilienteren Regionen unterstützen. Die laufende Programmierung der Förderperiode 2021 – 2027 bietet das richtige Momentum, um wichtige Impulse zu setzen. Wie genau das gelingen kann und welche Veränderungen erforderlich sind, zeigt ein Diskussionspapier der AG Interreg B, das im September 2020 in die Programmierungsprozesse eingespeist wurde.

Interreg B-Programme in Zeiten der Corona-Pandemie

Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Corona-Krise können noch nicht abschließend erfasst werden. Dennoch zeigt sich bereits jetzt eine geographisch unterschiedlich starke Ausprägung.

Die deutsche Interreg B-Community ist sich einig: Der territoriale Zusammenhalt in der Europäischen Union als Ganzes, aber auch in den einzelnen Makroregionen und in Interreg B-Programmräumen müssen weiterhin unterstützt und gefördert werden. Gleichzeitig zeigt die Corona-Krise, dass die Regionen widerstandsfähiger gegenüber anderen künftigen Krisen werden müssen. Dasselbe gilt auch für die Notwendigkeit, "funktionale Regionen" zu entwickeln, die resilienter sind. Genau hier kommen die Interreg B-Programme ins Ziel. Sie können wegen ihrer spezifischen Ziele und Instrumente dazu beitragen, die Krise zu überwinden und den Übergang zu resilienteren Regionen unterstützen. Denn Interreg B-Programme leben und fördern mehrere Kompetenzen:

  • Die transnationale Zusammenarbeit in funktionalen Regionen: Das Virus kennt keine administrativen Grenzen und zeigt einmal mehr die Notwendigkeit für europäische Lösungen. Interreg B-Projekte sind hierfür Versuchsfeld und Keimzelle.
  • Der territoriale Ansatz auf der Grundlage von Strategien: Die transnationale Zusammenarbeit basiert auf territorialen Bedürfnissen und strategischen Rahmenbedingungen – ideal, um die regionale Resilienz zu stärken.
  • Die Multi-Level-Governance (horizontal und vertikal): Das Zusammenspiel von verschiedenen Akteuren im Mehrebenen-Ansatz erhöht die Resilienz der Regionen und ist entscheidend für die Gestaltung von Entscheidungsprozessen für Regionen.
  • Integrierte Lösungen: Territorialität, innovative Ansätze und ein Ansatz über mehrere Ebenen fördern integrierte und fachübergreifende Lösungen.
  • Die Stärkung der Innovationskraft: Regionale Innovationssysteme sind essenziell zur Überwindung der Krise, ein integrierter Wissensaustausch in Interreg-B Projekten stärkt die Innovationskraft in allen Regionen.
  • Die Schaffung von Synergien mit anderen Finanzierungsinstrumenten: Interreg B-Projekte können sich auf lokale und regionale Bedürfnisse konzentrieren, die durch die Krise ausgelöst wurden. Sie können auch Synergien mit anderen Finanzierungsinstrumenten schaffen und als Katalysator wirken – wenn die Interreg B-Projekte auf früheren Aktivitäten aufbauen.

Gleichzeitig, da sind sich deutsche Interreg B-Akteure einig, ermöglicht der laufende Programmierungsprozess, aktuelle Erfahrungen mit der Corona-Krise zu reflektieren und notwendige Veränderungen umzusetzen. Denn die Interreg B-Programme können noch besser werden.

Corona-Krise bietet auch Chancen für Interreg

Die aktuelle Krise zeigt, dass wir krisenfester werden müssen. Vor allem um ihre Auswirkungen effektiver zu bewältigen und Regionen zu schaffen, die widerstandsfähiger sind, sollten die zukünftigen Interreg B-Programme folgende Überlegungen berücksichtigen:

  • Das Thema "Resilienz" als Querschnitt verankern: Mögliche Reaktionen auf die Krise und Lösungen für resilientere Regionen können verschiedene thematische Schwerpunkte tangieren, daher ist das Thema "Resilienz" ein Querschnittsthema.
  • Die thematische Flexibilität erhöhen: Erfahrungen in der Vergangenheit haben gezeigt, dass es für transnationale Kooperationsprogramme oft schwierig war, auf sich abzeichnende Trends oder Krisen zu reagieren – weil die Kooperationsprogramme nur eine begrenzte Flexibilität boten. Was die Auswirkungen der Covid-19-Krise oder anderer unbekannter Entwicklungen betrifft, sollte mehr Flexibilität in den künftigen Kooperationsprogrammen den "Handlungsspielraum" schaffen, um die Resilienz der funktionalen Regionen in Zukunft zu unterstützen.
  • Eine stärkere Einbeziehung regionaler und lokaler Akteure fördern: Regionale und lokale Akteure (unter anderem regionale Wirtschaftsförderer, Gemeinden, Kommunen) in den Projekten sind wichtig, um die territoriale Wirkung und die lokale und regionale Verankerung von Interreg B-Projekten zu stärken.
  • Themen "neudenken" und Kapitalisierung stärker fokussieren: Die Themen, die in den Programmen behandelt werden sollen, bleiben in der kommenden Periode mehr oder weniger gleich. Es gilt daher, die Themen "neu zu denken". Geschehen könnte dies durch die Förderung integrierter und bürgernäherer Ansätze (zum Beispiel durch die Verknüpfung verschiedener sektoraler Themen, Annäherung aus einem anderen Blickwinkel usw.) und durch eine noch stärkere Betonung der Kapitalisierung bereits zu Beginn der Förderperiode.
  • Neue Projekttypen und Strukturen etablieren: Es sind neue, flexiblere Projektstrukturen nötig, die den notwendigen Rahmen bieten, um auf die oben genannten Aspekte, wie die stärkere Einbindung von regionalen Akteuren oder auch die verstärkte Kapitalisierung, zu reagieren. Ein modularer Ansatz mit verschiedenen Modulen, die je nach Strategie, Hauptziele und erwarteten Ergebnissen des Projekts kombiniert werden können, wie es das Interreg MED-Programm erfolgreich anwendet, würde einen zielgerichteteren Ansatz ermöglichen.
  • Weiterhin den Verwaltungsaufwand reduzieren: Die Krise hat eine erhöhte Flexibilität bei der Projektdurchführung ausgelöst, wie z.B. vereinfachte Projektverlängerungen, vereinfachte inhaltliche Änderungen und neue Arbeitsabläufe. Diese erhöhte Flexibilität sollte auch in Zukunft beibehalten werden. Der Spielraum für weniger Bürokratie im Programm- und Projektmanagement sollte ständig überprüft werden, mögliche Vereinfachungen sollten umgesetzt werden.

Die Chance, die Interreg B-Programme jetzt in dieser Hinsicht strategischer zu positionieren, gilt es zu ergreifen! Eine Grundlage dafür ist das Diskussionspapier "Non Paper 'The added value of transnational cooperation for regions that are more resilient Impulses for the programming of Interreg B 2021–2027'". Es bündelt die Diskussionsergebnisse der Vorsitzenden der Deutschen Ausschüsse der sechs Interreg B-Programmräume mit deutscher Beteiligung und soll als Impulsgeber für die nun anstehenden Diskussionen dienen.

Wir blicken gespannt auf den weiteren Programmierungsprozess und werden uns dafür einsetzen, dass die Impulse ihren Eingang in die zukünftigen Programme finden.

Weitere Informationen:

  • Diskussionspapier "Non Paper 'The added value of transnational cooperation for regions that are more resilient Impulses for the programming of Interreg B 2021-2027'"
    >> Interreg nach 2020
  • Interreg – kohäsionspolitisches Instrument mit Mehrwert für Europa. Interview mit Jens Kurnol >> Blog vom 27.08.2020

Johanna Specker arbeitet als Referentin für Europäische Wirtschaftspolitik im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg. Sie ist Vorsitzende des Deutschen Ausschusses des Interreg V B Donauraumprogramms. Darüber hinaus ist sie baden-württembergische Ansprechpartnerin für die Interreg B-Programmräume Alpenraum, Mitteleuropa, Nordwesteuropa.