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Empirische Ergebnisse zu Langzeitwirkungen von transnationalen Strukturprogrammen – am Beispiel von Interreg B

Jens Bücker berichtet über die Ergebnisse seiner Masterarbeit

European Union 2016 (© Europäisches Parlament)

Auch wenn Projekte transnationaler Zusammenarbeit von manchen externen Beobachtern kritisiert und unter "wining and dining" abgetan werden, konnten eine Reihe von Studien vielfältige positive Effekte von Interreg-B-Projekten aufzeigen. Allerdings fehlen bisher niedergeschriebene, empirisch gestützte Aussagen zu den Langzeitwirkungen von Interreg-Projekten. Diese Forschungslücke adressiert die durch das Bundesamt für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) begleitete Masterarbeit von Jens Bücker.

Dabei standen folgende Leitfragen im Vordergrund:

  • Können die Erwartungen und Ziele von Partnern, Standorten und Regionen durch Interreg-Projekte erfüllt werden?
    Auch ohne Strukturprogramme formulieren Standorte und Regionen ihre Entwicklungskonzepte oder haben eigene Vorstellungen von der zukünftigen Entwicklung. Es sollte erklärt werden, in welchem Ausmaß Interreg-Projekte zur Erfüllung dieser Ziele beitragen.
  • Stoßen Interreg-Projekte Folgeinvestitionen an?
    Einmalige Projekte haben nicht immer einen langfristigen Nutzen. Mit dieser Leitfrage wurde der Frage nachgegangen, in welchem Ausmaß Interreg-Projekte auch Nachfolgeinvestitionen anstoßen, sowohl externe als auch durch weitere Förderprogramme.
  • Lassen sich die Erwartungen und Ziele an Interreg-Projekte auch noch 10-15 Jahre später als erfüllt erkennen?
    Ziel dieser Arbeit war es, die Langzeitwirkungen von Strukturprogrammen wie Interreg zu bewerten. Aus diesem Grunde wurde ein Förderzeitraum gewählt, der mit 14 bis 20 Jahren weit genug in der Vergangenheit liegt, um die Ergebnisse mit der nötigen Distanz zu bewerten.

Interreg III B als Forschungsfeld

Zur Eingrenzung der Fallstudie wurde der Programmzeitraum von Interreg III B (2000–2006) gewählt. Die Interreg III B-Projekte erfüllen durch den länderübergreifenden Charakter die Anforderungen eines transnationalen Programms. Der Zeitraum liegt zum einen weit genug in der Vergangenheit, um einer langfristigen Betrachtung gerecht zu werden und bietet zum anderen eine Quantität und Qualität an Informationen und Dokumentationen zu den Projekten, wie sie für die Programmzeiträume I und II nicht gegeben sind.

Mit Hilfe der Interreg III B-Datenbank des BBSR wurden zunächst aus den 490 Interreg III B-Projekten jene mit einem deutschen Lead Partner ausgewählt. Anschließend wurden die verbleibenden Projekte nach den fünf Programmräumen (Alpenraum, Mitteleuropa, Nordseeraum, Nordwesteuropa, Ostseeraum) kategorisiert und nach Höhe der Zuwendungen der EU sortiert. Als Fallbeispiele wurden schließlich Projekte mit hohen Mittelbindungen aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) eines jeden Programmraumes ausgewählt. Somit sollte ein möglichst hoher Grad an Repräsentativität gewährleistet werden, da die Beispielprojekte über alle fünf Programmräume verteilt liegen und ähnliche hohe Budgets besitzen. Kern der Erkenntnisse sind in Experteninterviews gewonnene Aussagen von ehemaligen Projektverantwortlichen der selektierten Fallbeispiele (vgl. Tab. 1). Das Ergebnis ist eine qualitative Querschnittstudie von 13 Interreg III B-Projekten, welche erstmals eine umfassende langzeitliche Betrachtung der Auswirkungen von transnationalen Strukturprogrammen liefert.

Tab. 1: Übersicht der Beispielprojekte (eigene Darstellung nach Interreg III B-Datenbank des BBSR, Stand Dezember 2018)

Tabelle 1: Übersicht der Beispielprojekte (© eigene Darstellung nach Interreg III B-Datenbank des BBSR, Stand Dezember 2018)

Interreg als Inkubator für weitere Projekte

Insgesamt konnten 289 Aussagen aus den 13 Interviews generiert werden, die in Bezug auf die Fragestellung der Arbeit von Belang sind und verarbeitet werden konnten. Aus diesen Aussagen wurden 34 übergeordnete Kategorien gebildet (vgl. Tab. 2). Die Auswertung zeigt, dass Kategorien, die einen unterstützenden Einfluss auf positive Langzeitwirkungen haben, am meisten genannt werden. So ist in 13 von 13 Projekten eine Profilschärfung der Teilnehmenden eingetreten (100 Prozent). In elf von 13 Interreg-Projekten konnte ein langfristiges Netzwerk aufgebaut werden (85 Prozent). Zehn von 13 Projekten erbrachten langfristige Lösungen oder Produkte (77 Prozent) und in neun Interreg-Projekten ist ein Grundstein für weitere Arbeiten gelegt worden (69 Prozent).

Tab. 2: Übersicht der Kategorien und Häufigkeit der Nennungen (eigene Darstellung)

Tabelle 2: Übersicht der Kategorien und Häufigkeit der Nennungen (© eigene Darstellung)

Unter den 34 Kategorien haben sich vier Schlüsselkategorien herausgebildet, die unmissverständliche Aussagen hinsichtlich der Langzeitwirkungen transnationaler Strukturprogramme liefern. Diese bilden sich aus den zwei Kategorie-Paaren "Schaffung langfristiger Produkte/Lösungen" und "Schaffung langfristiger Produkte/Lösungen nicht erfolgt" sowie "Grundstein für weitere Projekte wurde gelegt" und "Grundstein für weitere Projekte wurde nicht gelegt". Eine Betrachtung dieser vier Schlüsselkategorien zeigt, dass die zwei unterstützenden Schlüsselkategorien mit neun und zehn Erwähnungen von deutlich mehr Experten genannt wurden als die beiden widerlegenden Schlüsselkategorien mit jeweils drei Erwähnungen (Abb. 1). Werden diese vier Schlüsselkategorien untereinander verglichen, zeigt sich, dass auf die unterstützenden Kategorien insgesamt 19 Erwähnungen (76 Prozent) entfallen, während die widerlegenden Kategorien zusammen sechs Erwähnungen (24 Prozent) finden. Die Verteilung bei den Schlüsselkategorien zeigt, dass die Mehrheit der untersuchten Interreg III B-Projekte nachweislich positive Langzeitwirkungen mit sich gebracht haben.

Die Langzeitwirkungen von einzelnen Projekten lassen sich allerdings nicht immer beziffern oder bewerten. Ein Beispiel dazu ist das NOFDP-Projekt, in dem neue Maßnahmen zum Schutz vor einem Jahrhunderthochwasser erarbeitet wurden. Der zu überblickende Zeitraum ist zu kurz, um quantifizierbare Fakten herauszustellen, da dieses Ereignis noch nicht eingetreten ist. Dann gibt es Projekte bei denen hochwertige Ergebnisse erzielt werden und die Potenziale für eine langfristige Nutzung bieten, doch von den Zielgruppen nicht vollumfänglich angenommen wurden. So wurden etwa die Strategien und Konzepte zur Verbesserung der Grünflächen aus dem GreenKeys-Projekt von den Städten nur teilweise übernommen.

Abb. 1: Schlüsselkategorien im direkten Vergleich (eigene Darstellung)

Abb. 1: Schlüsselkategorien im direkten Vergleich (© eigene Darstellung)

Nicht nur positives Feedback

Die negative Kategorie, die in den meisten Projekten erwähnt wurde, ist mit Abstand "Kritik Interreg: Bürokratie." Dieser Kritikpunkt ist in acht Fallbeispielen zur Sprache gekommen (62 Prozent). Dazu kommt der damit verbundene personelle Aufwand (31 Prozent) und auch der Kosten-Nutzen-Faktor ist aus Sicht einiger Projektteilnehmer zu negativ (16 Prozent).

Letztendlich kann eine große Mehrheit der untersuchten Projekte deutliche positive Langzeitwirkungen aufweisen. Diese zeigen sich dadurch, weitere Projekte angestoßen zu haben oder mit ihren Ergebnissen langfristig einen großen Einfluss auf die Felder der Arbeit, der Forschung, der Politik, der Wirtschaft und der Sozioökonomie zu besitzen.

Die meisten Experten (92 Prozent) betonen darüber hinaus die "Wichtigkeit der Kofinanzierung durch die EU". Somit zeigt diese Arbeit nicht nur die überwiegend positiven Langzeitwirkungen des EU-Förderprogramms auf, sondern sie unterstreicht auch das Verlangen und die Notwendigkeit der finanziellen Unterstützung durch transnationale Förderprogramme.

Weitere Informationen

Wirkungen und Nutzen von transnationalen Projekten (Interreg III B). Bonn. Forschungen, Heft 136, Hrsg.: BBSR, Bonn 2009 Forschungen 136 - Webseite BBSR

Wirkungen der transnationalen Zusammenarbeit in Interreg B. BMVI-Veröffentlichung, Hrsg.: BMVI, Berlin, Mai 2017 Wirkungen - Website BBSR

Jens Bücker ist studierter Raumplaner und Geograph. Inhaltliche Schwerpunkte seiner Arbeit sind unter anderem die innerstädtische Brachflächenentwicklung, die internationale Metropolenforschung sowie die europäische Förderstruktur.