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Am Grenzzaun - Eindrücke von der Deutsch-Schweizer Grenze am Bodensee

Aufgrund der Corona-Krise trennt ein Grenzzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen wieder Deutsche und Schweizer Nachbarn und Familien (© Daniel Zwicker-Schwarm)

Mit der Corona-Krise kehren die Grenzen nach Europa zurück. Wohl an kaum einem Ort Deutschlands ist die Rückkehr der Grenzen im Zuge der Corona-Krise zurzeit so bildhaft zu erleben, wie an dem Zaun, der die Konstanzer seit kurzem wieder von ihren Schweizer Nachbarn trennt. Paare, Familien und Freunde treffen sich hier, da für viele der Grenzübertritt plötzlich nicht mehr möglich ist. Zumindest für ein paar Wochen ist die Selbstverständlichkeit des "grenzenlosen" Alltags unterbrochen. Daniel Zwicker-Schwarm von der Universität St. Gallen berichtet aus seiner Heimatstadt Konstanz.

Konstanz und seine Nachbarstadt Kreuzlingen bilden städtebaulich eine Einheit. Auch die verwandtschaftlichen und geschäftlichen Verbindungen waren schon immer eng. Bis zum Ersten Weltkrieg spielten Landesgrenzen im täglichen Leben ohnehin keine Rolle. Heutzutage sind rund ein Drittel der Kreuzlinger Einwohner deutsche Staatsbürger. Einkaufen und Arbeiten, Schulbesuch, Freizeit und Kultur - das alles geschieht ganz selbstverständlich grenzübergreifend. Man versteht sich vielfach als eine gemeinsame Bodensee-Metropole mit gut 100.000 Einwohnern.

Bis 2008 zog sich noch ein mannshoher Grenzzaun durch die Stadt und den Uferpark "Klein-Venedig" in den See hinein. Vielleicht seinerzeit der letzte Grenzzaun in Mitteleuropa - fast 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Errichtet wurde dieses Bauwerk in unseliger Zeit, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Seit dem Beitritt der Schweiz zum Schengen-Raum entfielen zwischen Konstanz und Kreuzlingen die Personenkontrollen und der Zaun konnte endlich abgebaut werden. Schnell hatte man sich daran gewohnt, nun überall in der Stadt über die grüne Grenze hinüberspazieren zu können. Mit der Grenzschließung aufgrund der Corona-Krise Mitte März kam nun auch der Grenzzaun wieder zurück. Diesmal sogar als Doppelzaun, um das Infektionsgeschehen durch grenzübergreifende Berührungen oder Warenübergaben zu verhindern. Die Folgen dieser neuen Grenze: für manche unbequem, teilweise kostspielig aber leider auch herzzerreißend.

Unbequem: Die Konstanzer Altstadt ist topographisch eine Insel - nach Norden und Osten See und Rhein, nach Süden und Westen die Schweizer Grenze. Gleich hinter der Grenze liegt das Tägermoos ein beliebtes Naherholungsgebiet: Seeufer, Gemüsefelder und Kleingärten. Es ist - wie gesagt wird - "ein Stück Deutschland in der Schweiz" und ein staatsrechtliches Kuriosum. Eigentümer dieser Flächen ist seit dem Mittelalter die Stadt Konstanz. Rund 400 Konstanzer haben hier auf Schweizer Staatsgebiet ihre Kleingärten von der Stadt gepachtet. Doch diesen Frühling können sie das Gartenjahr nicht in ihren Gärten beginnen. Gärtnern ist kein "triftiger Grund" für einen Grenzübertritt. Wer Glück hat, lässt Schweizer Parzellennachbarn gießen.

Kostspielig: Konstanz ist ein beliebtes Ziel für Schweizer Einkaufstouristen. Mit dem starken Franken und der attraktiven Mehrwertsteuer-Rückerstattung waren in den letzten Jahren neue Besucherrekorde verbunden. Die Nachbarn aus der Eidgenossenschaft tragen bis zu 50 Prozent des Umsatzes in Einzelhandel und Gastronomie bei. Nachdem diese Woche die meisten Geschäfte in der innerstädtischen Fußgängerzone wieder öffnen konnten, wird die Schweizer Kundschaft schmerzlich vermisst. Selbst Berufspendlern ist es untersagt, Waren einzuführen.

Der Grenzzaun trenn Paare, Familien und Freunde (© Daniel Zwicker-Schwarm)

Herzzerreißend: Die Folgen der Grenzschließung gehen weit über Einschränkungen in der Freizeitgestaltung oder über ökonomische Verluste hinaus. Der Grenzzaun trennt tatsächlich Paare, Familien und Freunde voneinander. Berufspendler dürfen die Grenze passieren, aber Freundschaften oder verwandtschaftliche Beziehungen gehören nicht zu den "triftigen Gründen", die einen Grenzübertritt erlauben. Die persönlichen Härten sind enorm: Eltern dürfen ihre minderjährigen Kinder jenseits der Grenze auf unabsehbare Zeit nicht mehr besuchen oder etwa ihre pflegebedürftigen Angehörigen unterstützen. Lokalpolitiker und Volksvertreter appellieren an die Regierungen, Betroffene starten Online-Petitionen - nach langem Warten zeichnen sich hier nun endlich Erleichterungen ab.

Nicht nur Konstanz-Kreuzlingen, sondern die ganze Vierländerregion rund um den Bodensee - Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein - sind schon seit Jahrzehnten ein Labor für grenzübergreifende Zusammenarbeit und europäische Integration. Die engen Bande wurden auch mit Hilfe des Interreg-Programms in vielen Bereichen wie Wirtschaft, Verkehr, Bildung, Kultur oder Tourismus befördert und vertieft.

Die gegenwärtigen Grenzschließungen sind wahrscheinlich - trotz aller Härten und Verbesserungsmöglichkeiten im Detail - notwendig, um die Corona-Pandemie zu bewältigen. Für die grenzübergreifende Zusammenarbeit stellt sich jedoch die Frage: Was kommt nach Corona? Was bedeutet die gegenwärtige Krise für die neue Generation der Interreg-Programme? Aus meiner Sicht sind zwei Extreme denkbar. Im besten Falle werden die Wochen der Grenzschließung dazu beitragen, die dann wieder eingekehrte "grenzenlose" Normalität als Errungenschaft vielleicht bewusster zu würdigen und der grenzübergreifenden Zusammenarbeit einen hohen Stellenwert einzuräumen. Die Bekämpfung der Corona-Krise wird andererseits in hohem Maße nationale und europäische Finanzen beanspruchen. Verhängnisvoll wäre es, wenn die Programme und Projekte für die grenzübergreifende Zusammenarbeit veränderten Ausgabeprioritäten und Mittelumschichtungen zum Opfer fielen. Denn die Sinnhaftigkeit der Interreg-Idee wird gerade in Zeiten der Corona-Krise deutlich.

Daniel Zwicker-Schwarm ist Wissenschaftler am Institut für Systemisches Management und Public Governance der Universität St. Gallen und Grenzgänger. Er befasst sich in verschiedenen Forschungs- und Beratungsprojekten mit Interreg.