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"Interreg-Projekte bieten Entwicklungs- und Innovationspotenzial für Kommunen"

Heike Bunte (rechts im Bild) ist in Hamburg für verschiedene Interreg-Projekte verantwortlich (© Heike Bunte)

Interreg unterstützt grenzüberschreitende Kooperationen zwischen Regionen und Städten, die das tägliche Leben beeinflussen, zum Beispiel in den Bereichen Verkehr und Mobilität, Arbeitsmarkt und Umweltschutz. Deshalb sind Städte und Gemeinden wichtige Partner bei der Umsetzung von Interreg-Projekten. Die Beteiligung lokaler Behörden ist jedoch sehr unterschiedlich. Das Bezirksamt Hamburg-Altona (Fachamt "Management des öffentlichen Raumes") bearbeitet derzeit insgesamt drei Interreg-Projekte aus dem Ostseeraum: SUMBA, LUCIA und HUPMOBILE. Heike Bunte aus dem Bezirk Hamburg-Altona erklärt im Interview, warum es für Städte und Gemeinden wichtig ist, sich an Interreg-Projekten zu beteiligen.

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen, warum es wichtig ist, dass sich Städte und Gemeinden an Interreg-Projekten beteiligen?

Interreg bietet Städten und Gemeinden die Möglichkeit, entsprechende Prozesse und Lösungen zu entwickeln, die jenseits der Kernaufgabengebiete liegen. Mit Hilfe von Interreg-Projekten kann man beispielsweise Studien in Auftrag geben, empirische Forschung betreiben oder kleinere "Pilotprojekte" testen. So erhält man als Kommune zusätzliche Informationen und/oder kann Vorhaben konstruktiv unterstützend begleiten. Ob es sich dabei um Machbarkeitsstudien handelt oder Bürgerbeteiligungsverfahren: Das Programm verfügt insgesamt über eine enorm große thematische Bandbreite. D.h. idealerweise kann man Programme, wie Interreg, auch nutzen, um vorausschauend und zukunftsorientiert Themen zu entwickeln.

Gerade Stadtentwicklung steht vor enormen Herausforderungen - ob es darum geht, dass man aktive Mobilität fördern will (und muss!) oder lebenswerte Quartiere entstehen, die Partizipation im öffentlichen Raum für alle gleichermaßen ermöglichen. Hierzu braucht es Mut, auch einmal "Neues" auszuprobieren. Angesichts angespannter kommunaler Haushalts- und Personallagen ist dies aber nicht ohne Weiteres umzusetzen. Interreg kann helfen, diese "Lücke" zu schließen. Weiterhin ist es möglich, dass man sich auf europäischer (weltweiter) Ebene präsentiert. Interreg fördert, dass man seine Region beispielsweise auf Kongressen vertritt und präsentiert. Wir haben das große Glück, in Europa zu leben. So erhält man zahlreiche Anregungen aus anderen Ländern und kann von vielen Beispielen lernen. Ganz automatisch erweitert man somit sein Netzwerk. Zusammengefasst ermöglichen Interreg-Projekte einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus und bieten Entwicklungs- und Innovationspotenzial für Kommunen.

Welche Rolle spielen Ihrer Erfahrung nach die lokalen öffentlichen Behörden bei Interreg-Projekten?

Das ist sehr unterschiedlich. In einigen Gemeinden gibt es Bedenken und Hindernisse, etwa hinsichtlich des administrativen Aufwands. Dann gibt es andere Kommunen, die mit voller Geschwindigkeit Vorreiter bei Interreg sind. Sie freuen sich über die Gelegenheit und nehmen die Rolle von Interreg voll und ganz an. Sie stellen nicht mehr in Frage, ob Interreg gut oder schlecht ist. Sie haben erkannt, dass Interreg eine große stadtentwicklungspolitische Chance ist und sie versuchen, so viel wie möglich daraus zu machen.

Idealerweise nutzt man EU-Projekte für eine langfristige Entwicklungsplanung. Wie ich bereits versucht habe zu betonen: Interreg ermöglicht großen thematischen Entwicklungsspielraum jenseits bestehender, etablierter Konzepte, über die Kommunen im Alltag verfügen. Das Programm kann Wegbereiter für die Zukunftsplanung sein. Mein Eindruck ist, dass einige Städte bzw. öffentliche Behörden dies bereits gut verstanden haben und auch umsetzen. Gleichzeitig - und das ist wiederum für die (Selbst-)Entwicklung von Interreg nötig - sind sie ein Indikator und Spiegel für Interreg selbst. Denn öffentliche Behörden mit ihren Planungen und Vorhaben spiegeln die reale Praxis wider, was sich umsetzen lässt und was nicht.

Insgesamt benötigen wir daher auch eine wesentlich stärkere Vernetzung und aktiven Austausch von Wissenschaft und Praxis. Interreg bietet gleichermaßen sowohl in der Forschung als auch in der Praxis sehr zielführend die Möglichkeit, sich zu entwickeln. Damit auf beiden Seiten aber ein Mehrwert entsteht, ist Austausch auf Augenhöhe relevant. Das "Bridging" von vorhandenem Wissen bzw. Wissen, was (empirisch) in der Forschung erarbeitet wird, kommt oftmals zu spät in den Kommunen an. Oder anders: Die Wissenschaft versteht oftmals nicht, wo der "ganz praktische Schuh" in den Kommunen drückt und die Forschung wird vor dem Hintergrund dieser Perspektive nicht oder nur schlecht angenommen. Auf der anderen Seite ist die (kommunale) Politik wirklich offen für EU-Projekte und will diese auch integrieren respektive begreift sie als positive Chance, um "Neues" zu testen. Also wieder eine Chance zur Weiterentwicklung.

Vor welchen Herausforderungen stehen Städte und Gemeinden, wenn Sie versuchen, Interreg-Projekte zu starten?

Die Strukturen in den Verwaltungen und deren zeitlichen und administrativen Abläufe passen auf den ersten Blick häufig nicht zu den administrativen Gegebenheiten des Interreg-Programms. Dies ist zum Beispiel deutlich spürbar, wenn Projektstellen schnell besetzt werden müssen und die interne Bearbeitung der Stellenanträge lange Vorläufe mit sich bringt. Häufig sind die EU-Projekte nicht nur für die fachliche Seite eine Herausforderung, sondern auch deren haushälterische Bearbeitung. Hier muss Verständnis geschaffen und Wissen aufgebaut werden. Dies bringt zusätzliche Probleme mit sich, denn die Anforderungen der EU sind anders als z.B. die "typischen" Abrechnungszyklen der Verwaltung.

Insgesamt sind es zunächst die bürokratischen Hürden, die überwunden werden müssen. Gerade, wenn man ganz neu anfängt, sich mit Projektförderung zu befassen, benötigt dies intern zunächst viele zeitliche Ressourcen. Das ist etwas, was man nicht unterschätzen sollte. Dieser Umstand ist aber nicht etwa dem geschuldet, dass die EU "mehr" oder schwierigere administrative Prozesse verlangt. Salopp könnte man sagen: Zu Beginn muss sich das "System" EU-Projekt einfach schlichtweg zurecht ruckeln! Ist diese Hürde überwunden, dann profitiert man enorm!

Das "normale" Tagesgeschäft bindet häufig schon alle Energie. Das hindert meines Erachtens nach Kommunen bzw. Städte daran, sich für Projekte zu bewerben. Oder: Der Teufelskreis ist "hausgemacht". Auf der einen Seite besteht zu vielen Themen ganz dringender Handlungsbedarf (und hier können Interreg-Projekte einen guten Anschub leisten) und auf der anderen Seite fehlt es an Personal, das die Projektideen - mit allem was dazu gehört - auf das "Papier" bringen kann.

Die Vorbereitungen für die kommende Förderperiode sind angelaufen. Was kann aus Ihrer Sicht getan werden, um Gemeinden und Städte dabei zu unterstützen, sich stärker an dem künftigen Programm zu beteiligen?

Ich denke, dass man Städte und Kommunen sehr gezielt (über die lokalen Stellen!) ansprechen muss. Dazu benötigt man realistische (!) "Positiv-Porträts" anderer Regionen. Es ist wichtig, dass man sich konkret face-to-face austauschen kann. Wer überzeugt werden will, braucht ein wahrhaft greifbares Praxisbeispiel, das zeigt, wie man ein Projekt in die internen Strukturen integrieren kann. Welche zusätzlichen Mittel und Aufwendungen braucht es zu Beginn, aber auch mit welchen "low hanging fruits" man schnell Erfolge erzielt.

Darüber hinaus sollten Möglichkeiten für Folgeprojekte aufgezeigt werden, damit (theoretisch erarbeitete) Erkenntnisse, Planungen und Konzepte realisiert werden können. Gerade die Möglichkeit, anschließend auch (kleinere) investive Maßnahmen umsetzen zu können, wäre attraktiv, so dass die Erfolgserlebnisse real für alle (auch Bürgerinnen und Bürger) sichtbar werden.

Last but not least: Die Vernetzung relevanter Akteure, wie Bürgermeisterinnen und Bürgermeister auf europäischer Ebene ist von zentraler Bedeutung, damit Projekte den notwendigen Rückenwind erhalten. Es ist wichtig, dass man als Kommune langfristige Ziele entwickelt. Hierfür ist Interreg ein gutes Instrument. Gleichzeitig wird darüber die Bedeutung der EU und damit einhergehender Vielfalt positiv beleuchtet und intern in der eigenen Verwaltung gestärkt. Insgesamt ist das ein vielschichtiger Prozess, der sich im Modus von Top-down- und Bottom-up-Prozessen bewegt. Beide Prozesse sind jedoch gleichermaßen wichtig, damit die EU nicht als einseitige Bürde, sondern vielfältiger Mehrwert in und für Kommunen begriffen wird.

Was auch nicht zu unterschätzen ist: der rein fachliche (und auch menschliche) Austausch auf der "Bearbeiterebene" mit anderen Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland: Dieser ist enorm motivierend für den eigenen Arbeitsalltag. Es tut einfach gut, wenn man auf vielfältige Art und Weise erfährt, dass der Tellerrand nicht hinter der Gebietskörperschaft aufhört… Diese Potenziale gilt es konstruktiv zu nutzen.

Weitere Informationen

Interreg-Projekte auf der Website des Ostseeraum-Programms:

SUMBA
LUCIA
HUPMOBILE

Heike Bunte arbeitet beim Bezirksamt Hamburg-Altona, Fachamt Management des öffentlichen Raumes (Abschnitt Verkehrsprojekte) und ist dort für EU-Projekte verantwortlich. Nach einer Ausbildung zur Zweiradmechanikerin und vielen Jahren der Arbeit im europäischen Ausland folgte das Studium MA Sozialökonomie (Soziologie, VWL, BWL, Recht) mit dem Schwerpunkt Mobilität und Verkehr und hier im Besonderen Radverkehr. Es folgten diverse Forschungs- und Arbeitstätigkeiten im In- und Ausland.