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Dorothee Bär

In europäischen Dimensionen denken

Dorothee Bär ist Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur - und seit neuestem auch Interreg-Botschafterin. In dieser Rolle möchte die gebürtige Bambergerin vermitteln, dass Bund, Länder sowie regionale und lokale Stellen gemeinsam die Möglichkeit haben, durch Zusammenarbeit über Grenzen hinweg Europa von unten aufzubauen. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen mit dem Programm und ihre persönlichen Eindrücke.

Inwiefern schafft transnationale Zusammenarbeit Ihrer Meinung nach Rahmenbedingungen für eine moderne Gesellschaft?

Deutschland ist keine Insel. Der europäische Binnenmarkt prägt unsere Lebensbedingungen. Die transnationale Zusammenarbeit bietet auf allen Ebenen die Möglichkeit, die Kooperation mit Partnern aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Verwaltungskulturen und unterschiedlichen Sprachen zu erproben und zu praktizieren. Solche interkulturellen Kompetenzen brauchen wir heute mehr denn je.

Worin bestehen Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen und worin die größten Gewinne transnationaler Zusammenarbeit in Europa?

Die größten Herausforderungen sehe ich darin, dass sich sowohl die Projektpartner als auch die Programmakteure insgesamt gemeinsam darüber verständigen müssen, was die jeweiligen Besonderheiten ihrer Region sind und wie sie diese in der Projektarbeit beachten wollen. Den Klimawandel zum Beispiel gibt es überall, aber an den Küsten muss man sich damit jeweils anders auseinandersetzen als im Alpenraum. Das klingt zwar sehr einfach, ist es in der Praxis aber nicht immer. Es reicht nicht, zum Beispiel nur zu sagen: "Wir wollen Projekte der Elektromobilität fördern". Man muss solche Vorhaben passgenau in die jeweilige Topographie einfügen. Dieser räumliche Faktor ist sehr wichtig, und man muss ihn sich bewusst machen. Genau da liegen aber auch die größten Gewinne der transnationalen Zusammenarbeit: Für die Regionen wird deutlich, dass sie sehr viel zu gewinnen haben, wenn sie mit dem unmittelbaren Nachbarn jenseits der Grenze zusammenarbeiten und gemeinsam ganzheitliche Lösungen entwickeln. Dadurch lernen Regionen ganz von selbst das Denken in europäischen Dimensionen.

Wie kann die Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern helfen, Deutschland als wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort zu stärken?

Was einmal in einem Interreg-Projekt an Erfahrungen mit europäischen Partnern gemacht wurde, kann bei weiteren Projekten der Zusammenarbeit angewendet werden. Diese Erfahrungen sind unendlich wertvoll. Wer gelernt hat, mit europäischen Partnern zusammenzuarbeiten und Kooperationen geschlossen hat, der qualifiziert sich in besonderem Maße, um auf europäischen und weltweiten Märkten zu bestehen.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit transnationaler Zusammenarbeit gemacht?

Neulich habe ich in meiner bayerischen Heimat die Abschlusskonferenz des Projektes "AlpInfoNet" besucht, das war ein Projekt im Interreg-Programmraum Alpen. Hier ging es um die Entwicklung eines Online-Informationssystems für Touristen, die den Alpenraum ohne Auto besuchen wollen. Es war mir eine große Freude zu sehen, mit welchem Enthusiasmus die Projektpartner bei der Sache waren. Hier wurden gleichzeitig viele Dinge erreicht, nämlich das Zusammenspiel von Tourismus- und Verkehrsunternehmen sowie die Förderung nachhaltiger Mobilität und des sanften Tourismus, die dem Alpenraum insgesamt zu Gute kommen. Nicht zuletzt war es aber auch förmlich zu spüren, wie gut sich die Partner alle verstanden und dass sie Freunde geworden sind. Auch das sollte man in Zeiten europäischer Krisen keinesfalls unterschätzen!

Im September feierte die EU-Kommission mit den Ländern 25 Jahre Interreg. Wo, glauben Sie, steht die transnationale Zusammenarbeit in 25 Jahren?

Die transnationale Zusammenarbeit wird weiter intensiviert und vertieft werden. Sie wird wahrscheinlich nicht dazu führen, dass es keine Grenzen mehr in Europa gibt. Sie kann aber dazu führen, dass Grenzen nicht mehr als trennend empfunden werden und dass man im Gegenteil neugierig darauf wird, was sich jenseits der Grenze tut. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn diese wirklich erfolgreiche Zusammenarbeit der Europäischen Regionalförderung in Zukunft eher mehr als weniger Geld erhalten würde. Denn was ist wichtiger für Europa als Begegnungen zwischen Menschen zu ermöglichen?